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Wandle dein Bewusstsein

Wandle dein Bewusstsein

Christoph Quarch über die Ziele des World-Spirit-Forum

Die Welt braucht einen spirituellen Klimawandel. Und die Menschheit das Bewusstsein ihrer Einheit. Welche Instanz und welche Werte könnten dabei Richtung weisend sein?

Hoch oben in den Schweizer Bergen wird am Lauf der Welt gestrickt. Alljährlich im Januar kommen dort, in Davos, die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft zusammen, um sich fern der Metropolen darüber auszutauschen, wie sie die Welt in eine Richtung lenken können, die sie für richtig halten. Nicht ohne Erfolg. Das World Economic Forum ist längst zu dem wohl wichtigsten Umschlagplatz für globale Ideen und Strategien geworden.

Doch nicht nur in Davos wird am Wandel der Welt gearbeitet. Auf der anderen Seite der Berge, in Arosa, hat sich seit fünf Jahren ein World Spirit Forum etabliert, das die gleiche Aufgabe auf andere Weise anpackt. Nicht die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft sind es, die hier – stets in den Tagen vor dem World Economic Forum – zusammen kommen, sondern die Protagonisten des Geistes: religiöse Führer, spirituelle Lehrer, philosophische Avantgardisten.

„(x)change consciousness“ lautete ihr Motto 2008: Wandle dein Bewusstsein und tausche dich darüber aus! – ein Wort, das eine These birgt: Nicht – oder besser: nicht nur – mit den Instrumenten von Politik und Wirtschaft wird die Welt sich wandeln, sondern durch ein neues und anderes Denken, Fühlen, Handeln. Die Welt, so die Kernaussage des World Spirit Forum, braucht einen spirituellen Klimawandel, um dem meteorologischen Klimawandel standhalten zu können, in dem sich symbolhaft die Krise des Globus verdichtet.

Wie entsteht Wandel?

Ludwig Feuerbach, der große Kritiker alles Religiösen, hatte einst gesagt: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kömmt drauf an, sie zu verändern“ – ein Wort, das alle großen Ideologen des 20. Jahrhunderts gerne heranzogen, um Gesellschaften und Staaten nach ihren faschistischen oder kommunistischen Bildern zu formen.

„Wir müssen das Maß des Lebens wiedergewinnen: das Maß des Lebens, das zugleich das Maß Gottes ist“ (Christoph Quarch)

Die Katastrophen blieben nicht aus, und am Beginn des 21. Jahrhunderts stellen wir ernüchtert fest, dass sich all jene Heilsversprechen als ihr Gegenteil erwiesen haben.

Ist Feuerbach damit überholt? Keineswegs. Die Welt ist in einem Zustand, der nach Veränderung schreit. Soziales Elend, kriegerische Gewalt, ökologische Katastrophen – sie lassen keinen Zweifel daran, dass es lange schon nicht mehr genügt, die Welt einfach nur anders zu interpretieren. Die schönste Interpretation taugt nichts, wenn nicht die Tat auf sie folgt. Nur gilt dieser Satz auch umgekehrt: Die kräftigste Tat taugt nichts, wenn sie nicht aus einer starken Interpretation erfolgt – aus einer Interpretation, die nicht nur Handlungsenergie freisetzt, sondern diese auch so orientiert, dass sie nicht in die Katastrophe führt.

Wer um Wohl und Wehe der Welt besorgt ist, muss sich folglich zwei Fragen stellen: Woher kommt die Kraft zum Wandel? Und was gibt ihm eine gute Richtung? Schauen wir in die Geschichte. Was war es, das die Geschicke der Welt wirklich bestimmte? Die Antwort ist nicht schwer: Es waren die großen spirituellen Aufbrüche, das Erscheinen von Religionsstiftern und Philosophen. Keine Kultur dieser Welt, die nicht das Gepräge einer Religion oder Philosophie an sich trüge.

Der wahre Maßstab

Als Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren durch Galiläa zog und den Menschen zurief: „Kehrt um, das Reich Gottes ist nahe!“, da ahnte wohl niemand, dass dieser Wanderrabbi wie kein anderer den Lauf der Welt beeinflussen würde. Zwar nicht so, dass das Reich Gottes auf Erden durchgesetzt worden wäre, sondern so, dass die Anhänger Jesu begannen, ihr Leben in einem anderen Licht zu sehen: nicht mehr als Spielbälle eifernder oder launischer Götter, sondern als Gabe eines liebenden himmlischen Vaters. Das nahm die Angst und setzte unerhörte Energien frei. Wir alle wissen, dass sie längst nicht immer zum Guten gereichten. Aber es macht doch eines deutlich: Es ist die Macht des Geistes, die Energie der Idee, die Kraft einer Interpretation, aus der sich Taten speisen. Der Wandel beginnt auf dieser Ebene.

Aber was bewahrt ihn davor, in die Katastrophe zu führen? Unsere zweite Frage ist mit der ersten eng verbunden. Die inspirierende Kraft des Geistes richtet sich danach, woran sie Maß nimmt. Nicht jede Idee, die Menschen mobilisiert, ist deshalb schon eine gute Idee. Ob sie eine gute oder unheilvolle Idee ist, entscheidet sich an ihrem Maßstab – ob dieser Maßstab wahr ist oder unwahr.

Damit ist eine weitere Frage aufgeworfen: Was erlaubt uns, zwischen einem wahren Maßstab und einem falschen Maßstab zu unterscheiden? Wie können wir ermessen, ob ein spiritueller Aufbruch der Welt zum Guten oder zum Verderben gereicht? Diese Frage ist alt – so alt wie das Denken selbst. Schon in der griechischen Antike wurde um sie gerungen. Der Philosoph Protagoras hatte seinerzeit behauptet: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“. Eine Generation später konterte Platon und sagte: „Gott ist das Maß aller Dinge.“

Heute taucht der gleiche Konflikt unter veränderten Vorzeichen auf. Davos oder Arosa? Wollen wir die Welt nach Maßgabe unserer Interessen verändern, oder anerkennen wir eine andere Wirklichkeit, die für unser Tun und Lassen maßgeblich ist? Blicken wir wachen Auges in die Welt, so kann die Antwort nur eine sein. Die Welt braucht einen spirituellen Aufbruch, der Maß nimmt an der Wahrheit des Lebens – an Gott. Wir müssen das Maß des Lebens wiedergewinnen: das Maß des Lebens, das zugleich das Maß Gottes ist, das er allem von ihm geschaffenen Leben eingezeichnet hat.

Die Realität aber ist: Große Teile der Menschheit haben das Maß aus den Augen verloren. Sie haben sich selbst zum Maß aller Dinge ernannt oder doch menschengemachte Maßstäbe für sich als verbindlich erklärt. Dadurch sind sie maßlos geworden: maßlos in ihrer Gier und vermessen in ihren Ansprüchen. Der drohende Klimawandel ist die Konsequenz daraus. Ihm wird nur zu begegnen sein, wenn ihn ein spiritueller Wandel begleitet. Und da die Polkappen bereits schmelzen, duldet er keinen weiteren Aufschub. Wir dürfen uns nicht mehr länger zum Maß aller Dinge machen. Gott ist das Maß aller Dinge.

Liebe

Aber was heißt das? Heißt es, dass wir eine Welt-Theokratie installieren müssen, die das Leben auf Erden nach Maßgabe einer heiligen Schrift maßregelt? Das nun gerade nicht. Das Maß aller Dinge, das Gott ist, ist zwar im Kern der großen religiösen Traditionen aufbewahrt, die Heiligen Schriften reden davon – aber sie tun dies doch immer auf eine bestimmten Weise, die nur in bestimmten kulturellen Kontexten nachvollziehbar ist.

Denken wir noch einmal an Jesus. Gefragt nach dem Maß aller Dinge, sagte er: „Du sollst Gott deinen Herren lieben und deinen Nächsten wie dich selbst!“ – Die Liebe, von der der 1. Johannesbrief sagt, Gott sei sie, ist im christlichen Verständnis das Maß aller Dinge. An der Liebe Maß zu nehmen, wäre ein spiritueller Aufbruch innerhalb des Christentums, wie er heute Not tut.

Die Liebe folgt dem Maß des Lebens. Wir alle wissen, dass ohne Liebe das Leben ausstirbt. Und wir alle begreifen, dass die Liebe diejenige Kraft ist, die den Zusammenhalt und Fortbestand lebendiger Systeme gewährt. Denn die Liebe lässt jeden einzelnen in seiner Eigenart und bindet ihn doch ein in ein Ganzes. Liebe ist die Kraft, die lebendige Systeme am Leben hält: sei es einen Organismus, eine Gesellschaft oder ein globales Ökosystem. Und Liebe weckt das Bewusstsein dafür, dass wir Menschen in einer höheren Einheit verbunden sind: dass wir eine Menschheit sind, deren Überleben daran hängt, im Einklang mit dem Öko-System dieser einen Erde zu sein.

Diese Wahrheit in allem Tun und Lassen als maßgeblich anzuerkennen und uns liebend dem Einklang des Lebens zu widmen, heißt dem Maß des Lebens zu folgen. Eine Spiritualität, die sich unter diesen Maßstab stellt, ist eine globale Spiritualität, die nicht an eine bestimmte spirituelle Tradition gebunden ist. Sie kann sich unter christlichen Vorzeichen artikulieren, sie kann aber auch unter anderen religiösen und philosophischen Dächern wachsen und gedeihen. Entscheidend ist, dass sie das Maß des Lebens achtet und erfahrbar macht: das Maß des Lebens, das darin besteht, dass lebendige Systeme darauf angelegt sind, in Gleichgewicht und Balance zu schwingen – so, dass alle in ihnen sich frei entfalten dürfen und dabei doch dem Ganzen zu Einklang und Blüte verhelfen.

Wichtig ist eines: Niemand, nicht die Priester und nicht die Denker, ist im Besitz diese Maßes. Wer solches beansprucht, hat sich längst selbst zum Maß aller Dinge gemacht. Aber nicht wir haben das Maß des Lebens, sondern das Maß des Lebens hat uns. Und uns Menschen obliegt es lediglich, uns seiner bewusst zu werden, indem wir uns für seine Erfahrung öffnen.

Die Erfahrung der Ganzheit und Einheit alles Lebens, die Erfahrung der Liebe als ihres Grundgesetzes und der Gerechtigkeit als ihrer Struktur – sie, und nur sie, sind es, die einen Wandel der Welt zum Guten ermöglichen werden. Sie sind es, die die Welt nicht nur in einem anderen Licht sehen lassen, sondern dieses Licht auch in ihr entzünden und sie erleuchten. Sie sind es, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts einen spirituellen Klimawandel in Gang setzen werden, an dessen Ende sich Arosa und Davos nicht mehr werden unterscheiden lassen.

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