Malta - Insel der Göttin
Wenn wir von Malta sprechen, meinen wir „die“ Insel im Mittelmeer. Das ist so nicht ganz treffend, denn erstens ist Malta ein eigener Staat, und zweitens sind es in Wirklichkeit drei Inseln: Malta, Gozo und Comino. Aber Malta liegt nicht nur im Mittelmeer, sondern ist auch fast dessen Mittelpunkt. Dennoch ist Malta vielen Menschen gar nicht als etwas Besonderes im Bewusstsein.
Das war in prähistorischen Zeiten ganz anders. Denn zur Zeit der Megalithkultur war Malta eine Art spirituelles Zentrum. In ganz Europa finden wir zahlreiche Zeugnisse einer archaischen Kultur, die uns rätselhafte Steinsetzungen hinterlassen hat. Daher auch der heutige Name, welcher soviel wie „große Steine“ bedeutet. Sehr bekannt sind die Steinreihen in der Bretagne, Steinkreise in England und Irland, Menhire, Dolmen und so genannte Hügelgräber. Wir mutmaßen über ihre Bedeutung, messen vielleicht Energiefelder, aber viel wissen wir nicht darüber, welche Kultur die Menschen verband.
Ähnlich ist das auch auf Malta. Aber hier fallen die Steinsetzungen völlig aus dem Rahmen. Hier finden wir Tempel. Zumindest nennen wir sie so. Hier finden wir eine prähistorische Architektur, die ihresgleichen sucht. Und das in einer Häufigkeit auf diesen kleinen Inseln, die uns schier ins Staunen versetzt. Man kann kaum einmal zehn Kilometer fahren, ohne schon vor dem nächsten Tempel zu stehen.
Matriarchale Kultur
Damit kommt Malta eine zentrale Bedeutung in der Megalithkultur zu. Es gibt nichts Vergleichbares. In den Tempeln, die teilweise auch unterirdisch waren, wie z.B. das Hypogäum nahe Tarxien, fanden Archäologen hauptsächlich weibliche rundliche Figuren. Da die Tempel und Artefakte meist aus der Zeit von 3000 – 5000 vor unserer Zeitrechnung stammen, reichen wir hier in die so genannte prähistorische Zeit und in das Matriarchat zurück. Die Figuren werden allgemein als „Göttinnen“ im Rahmen eines Fruchtbarkeitskults interpretiert.
Mir scheint zunächst einmal ein Blick auf das Matriarchat interessant. Es handelt sich um eine Zeit, wo die Menschen in großen Sippen friedlich miteinander lebten. Das Oberhaupt jeder Sippe war die älteste Frau, von der in der Regel alle abstammten. Erbrecht und Kindererziehung folgten der weiblichen Linie. Zur Sippe gehörten auch Söhne, Brüder usw. Die Väter der gezeugten Kinder blieben jedoch in der Regel in den Nachbarsippen, aus denen sie kamen. Die Vaterschaft spielte keine wesentliche Rolle. Die Kinder wuchsen mit Onkeln usw. auf, nicht aber mit leiblichen Vätern. Es gab genügend Platz und man lebte friedlich miteinander und nebeneinander.
Unsere heute etablierte Geschichtsauffassung beginnt nun mit der so genannten historischen Zeit mit dem Aufkommen der Schrift. Zu Zeiten des Matriarchats wurde alles, was als wichtig erachtet wurde, mündlich überliefert. Und das über Jahrtausende. Mit steigender Bevölkerungsdichte machten aus verschiedenen Gründen zunehmend Männer Gebrauch von ihrer körperlichen Kraft. Zunächst vielleicht, um ihre Sippe zu schützen oder zu verteidigen. So entstand der Begriff des „Herr-schens“, und es wurde Schrift entwickelt, um ruhmreiche Taten, wie z.B. Eroberungen, zu überliefern. So begann das Patriarchat, und damit die Geschichte der Kriege.
Der heute allgemein übliche Gottesbegriff wurde aber erst im Patriarchat geprägt. So möchte ich bei den Figuren von Malta zunächst einfach von „Frauen“ sprechen, vielleicht insbesondere von Müttern. Der Begriff „Matriarchat“ ist ja abgeleitet von mater, die Mutter. Von mater kommt aber auch unser Begriff der Materie. Und deshalb haben unsere Vorfahren immer die „Mutter Erde“ als unseren Urgrund verehrt, wie es vielfach heute noch in den Naturreligionen der Fall ist.
Der Kult in den Höhlen
Das Urbild des Mütterlichen und des Ursprungs ist die Vagina und, übertragen auf Mutter Erde, die Höhle. Deswegen wurden viele Religionsgründer der Überlieferung zufolge in einer Höhle geboren.
So dienten Naturhöhlen der Verehrung des weiblichen Urgrundes, oder es wurden „Höhlen“ gebaut. Das trifft auf die Cairns, Tumuli und Barrows in Nordwesteuropa genauso zu wie auf die „Kleeblatttempel“ auf Malta. Zumal die meisten Tempel auf Malta von ihrem Grundriss her an die Skulptur einer „Mutter“ erinnern. Die Menschen gingen also zum Ritus in die Höhle, in die Mater – Materie, in die Dunkelheit. Und das durch die Vagina, wenn man sich den Grundriss anschaut. Das ist die Rückverbindung mit dem Urgrund, und damit die wahre und wörtliche religio.
Nun gab es aber in dieser Kultur gar nicht die Trennung zwischen sakralem Raum und profanem Wohnraum, wie wir sie heute leider kennen. Wir können hier eher von „Wohntempeln“ sprechen. Und in diesen „Wohntempeln“ wurden auch die Ahnen bestattet. Die Ahnen waren ja diejenigen, denen man alles verdankte. Und so wurden sie geachtet und integriert, ging man doch davon aus, dass ihre Seelen sich in der eigenen Sippe wieder verkörpern würden. Erst im Patriarchat wurde das Wissen um die Wiedergeburt „abgeschafft“.
Die Kultur unserer Vorfahren war weltweit schamanisch orientiert, und der Kult mit den Ahnen diente gleichzeitig der Verbindung in die „Anderswelt“. Noch heute erinnert das Verb „ahnen“ an etwas, was wir (noch) nicht rational wissen oder verstehen, und berührt damit unsere Verbindung zur unsichtbaren Welt, aus der wir ja kommen und in die wir auch wieder zurückkehren.
Der Schädelkult und die Höhle
Auch in unserem Körper gibt es Höhlen oder Hohlräume, die diese Verbindung symbolisieren. Da die Vagina (mitsamt dem Körper) vergänglich ist, entwickelte sich als Gegenpol ein Schädelkult. Die hohle Höhle wurde später als „Hölle“ verteufelt, denn für patriarchale Machtstrukturen war es wichtig, die Verbindung zur eigenen Kraft und zum Kosmos zu unterbinden, welche ja im Haupt und in der Sexualität verankert sind. So haben die präkolumbischen Kulturen in Amerika uraltes Wissen in Kristallschädeln gespeichert. In Europa erinnerte Maria Magdalena nicht nur an die Kraft und die Fähigkeit des Weiblichen, sondern auch an den alten Schädelkult, welcher sich im Lauf der Zeit verloren hatte. Daher gibt es zahlreiche Darstellungen von Maria Magdalena, die liebevoll einen Schädel hält. Auch auf Malta, im Museum neben der Kathedrale von Mdina, fand ich solch ein Bild.
Die patriarchale Wissenschaft interpretiert Abbildungen von Schädeln gerne als Hinweis auf Blutrünstigkeit, Menschenopfer oder geschlachtete Feinde, wie bei den Mayas, Azteken oder bei der Göttin Kali in Indien. Damit werden solche Kulturen als „primitiv“ abqualifiziert. Doch spätestens seit der Entdeckung der Kristallschädel müsste sich uns eine neue Verständnisdimension eröffnen, die uns auf den Ahnenkult und die Verbindung zur Anderswelt hinweist.
So ist Malta ein alter Kraftplatz, der uns einlädt, mit der weiblichen Energie in Kontakt zu kommen, d.h. mit unserer Anima, also unserer Seele. Dies ist heute wichtiger denn je, zumal uns das Patriarchat an den Rand des Abgrundes geführt hat. Es geht nicht um ein Zurück ins Matriarchat, aber um eine neue Beziehung zu unserer weiblichen Seite und zu Mutter Erde. Damit ist Malta, auch ohne weite Sandstrände, immer eine Reise wert – eine Reise zu einem längst verlorenen Teil unserer selbst, den wir langsam zu erahnen beginnen.

