ATHEISMUS

ATHEISMUS

LEBEN OHNE GLAUBEN ODER OHNE GOTT?

Ein Thema - sechs Sichtweisen

Kann ein aufgeklärter Menschen heute noch an Gott glauben? Die häufigsten Gründe von „Nein-Sagern“ sind: die Ungereimtheiten in den heiligen Schriften; das Leid, das die versuchte Verwirklichung religiöser Ideale verursacht hat; der Verdacht, Gott sei nur ein tröstliches Wunschbild gegen die Härten des Lebens. Doch eine unklar überbrachte Botschaft muss nicht unbedingt falsch sein, ein unvollkommen realisiertes Ideal nicht schlecht. Auch der ersehnte Gott mag durchaus existieren. Genauso muss nicht jeder Glaubensverneiner gleich ein Gottesverneiner sein: „Religiös ist, wer den Glauben, nicht aber Gott entbehren kann.“

UNKLARHEIT = UNGLAUBWÜRDIGKEIT?
Wie kann man Gott als Sender einer Botschaft ansehen, die so schlecht bei ihrem Empfänger ankommt, dass die Kirchen und Konfessionen bis heute darüber streiten, was eigentlich damitgemeint sei?

Problematisch muss die Bibel als letzte Instanz und Quelle unumstößlicher, weil göttlich sanktionierter Verhaltensnormen (u.a.) unter (folgendem) Aspekt erscheinen: der sehr mangelhaften Informationsqualität der in ihr mitgeteilten Botschaft, ihrer Unklarheit, Mehrdeutigkeit, Widersprüchlichkeit, schon an sich ein heute kaum rezipiertes Argument gegen den göttlichen Ursprung dieser an die Menschen gerichteten Botschaft. Wie kann
man vernünftigerweise Gott als Quelle, als Kommunikator einer Botschaft ansehen, die so schlecht bei ihrem Empfänger ankommt, dass über ihren Inhalt eine so chaotische Uneinigkeit besteht, dass seit der Frühzeit des Christentums bis heute die verschiedensten Kirchen und sonstigen konfessionellen Gruppen sich darüber streiten, was eigentlich mit dieser Botschaft gemeint sei?

Zyniker könnten in der Widersprüchlichkeit, Uneindeutigkeit und Unklarheit einer mit dem Anspruch göttlichen Ursprungs und damit Unveränderbarkeit auftretenden Botschaft den Vorteil einer durch jeweilige Selektion ermöglichten Flexibilität ausmachen.

In der ganz großen Mehrzahl der historischen überblickbaren Situationen hat sich die Kombination mehrdeutiger Unklarheit bzw. Widersprüchlichkeit mit dem Anspruch auf göttlichen Ursprung und absolute Geltung jedoch als eher verhängnisvoll erwiesen...
Franz Buggle

HUMANISMUS - DIE BESSERE RELIGION?
Die großen spirituellen Visionen und Ideale sind ebenso wie die erhabensten humanistischen Ideale zugleich oft Ursachen unermesslichen Elends. Doch das ist keine Widerlegung dieser Bestrebungen selbst.

Die großen spirituellen Visionen der Menschheitsgeschichte sind zugleich Giftbecher gewesen, die Ursachen unsäglichen Elends, ja unermesslicher Grausamkeit. Es ist aber nicht so, als örte diese traurige Geschichte bei der Religion auf. Die Hungersnot von Charkow und die Todesfelder von Kambodscha wurden von Atheisten verschuldet, die den Versuch machten, die erhabensten Ideale menschlicher Vollkommenheit durchzusetzen.

Was wir brauchen, sei ein nüchterner wissenschaftlich gesinnter, säkularer Humanismus. Aber diese Erwiderung erscheint mir dennoch allzu schlicht.

Die(se) Kritiken fassen die selbstzerstörerischen Folgen einer spirituellen Bestrebung charakteristischerweise als Widerlegung dieser Bestrebung auf. Damit begehen auch sie den nach einer Überzeugung kardinalen Fehler anzunehmen, ein Gut müsse ungültig sein, wenn es zu Leiden oder Zerstörung führt... (Doch) eine prosaische weltliche Einstellung ohne jede religiöse mension oder ohne eine radikale Hoffnung im Rahmen der Geschichte (ist) kein Verfahren zur Vermeidung des Dilemmas, obwohl es auf diese Weise vielleicht glückt, mit dem Dilemma eben.

Es beinhaltet die Erstickung unserer inneren Reaktion auf einige der tiefsten und eindringlichsten spirituellen Bestrebungen, die je von Menschen ersonnen wurden. Damit wird ebenfalls ein hoher Preis gezahlt.
Charles Taylor

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