Das Judentum heute

Das Judentum heute

Das Judentum hat nicht nur das Chri stentum und den Islam stark mitgeprägt, sondern die gesamte abendländische Kultur. Für das Selbstverständnis und die Rolle des heutigen Judentums zentral ist eine Frage, die sich so in anderen Religionen nicht stellt: Ist man als Jude nur Teil einer Konfession oder automatisch auch einer Nation? Die Meinungen dazu gehen in alle Richtungen auseinander.

Kleine Religion – großer Einfluss

Gott beauftragte das Volk der Juden, ein “Licht für die Völker“ zu sein. Das Judentum erwartet jedoch nicht, dass alle Menschen Juden werden, doch hofft es, dass die ganze Welt eines Tages die Alleinherrschaft des Einen Gottes anerkennen wird.

Mit etwa 13 Millionen Anhängern ist das Judentum heute die kleinste Welt religion. Sein Einfluss und seine geographische Verteilung verhalten sich je doch umgekehrt proportional zu seiner Größe. Seine Ursprünge liegen in der Staatsreligion des antiken Königreiches Judäa, das im Jahr 586 u. Z. zu Ende ging. Die überlebenden Judäer sahen sich vor der Her ausforderung, ihre nationale Religion an die Situation einer Gemeinde, die von Ägypten bis nach Mesopotamien verstreut war, anzupassen. Ihr Erfolg zeigt sich sowohl in der Entwicklung des Judentums selbst als auch im star ken Einfluss des Judentums auf zwei andere große Religionen: das Chri stentum und den Islam.

Als Religion weist das Judentum drei wesentliche Elemente auf: Gott, Tora und Israel. Als vermutlich älteste monotheistische Religion glaubt das Judentum an einen universalen und ewigen Gott, den Schöpfer und Herr scher über alles. Gott trat in ein besonderes Bündnis mit einem Volk, den Ju den oder Israel, und beauftragte es, ein „Licht für die Völker“ (Jesaja 49,6) zu sein. Das Judentum erwartet nicht, dass alle Menschen Juden werden, doch hofft es, dass die ganze Welt eines Tages die Alleinherrschaft des einen Gottes anerkennen wird.

CARL S. EHRLICH

Kulturprägendes Erbe

Weil von dieser Religion Impulse ausgestrahlt wurden, die weit über die zahlenmäßig kleine eigene Religionsgemein schaft hinausgingen, kann man das Judentum als Weltreligion bezeichnen.

Mit der Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische ab dem 3. Jahrhundert hat das Judentum einen ersten prakti schen Schritt getan, um als Weltreligion auch für außerhalb der unmittelbaren jüdisch-semitischen Lebenswelt stehende Personen annehmbar zu werden. Die Übersetzung der hebräi schen Bibel hat aufgrund der Übernahme dieser Übersetzung durch das Christentum zugleich die Basis dafür gelegt, dass ein nicht geringer Teil der jüdischen Tradition, wenngleich in christlicher Interpretation, frühzeitig Eingang in die abendlän dische Kultur gefunden hat. Dieses jüdische Erbe hat die euro päische und in späteren Jahrhunderten nordamerikanische Gesellschaft mitgeprägt. Jüdische Denker und Dichter wie Juda ha-Levi (1075-1141), Moses Maimonides oder auch Baruch Spinoza (1632-1677) haben teilweise auf grund ihrer Dreisprachigkeit Hebräisch, Arabisch und Latein die antike Philosophie im europäischen philosophischen Dis kurs zur Geltung gebracht.

Weil von dieser Religion Impulse ausgestrahlt wurden, die weit über die zahlenmäßig kleine eigene Religionsgemein schaft hinausgingen, kann man das Judentum als Weltreligion bezeichnen.

MANFRED HUTTER

Religion oder Volkszugehörigkeit?

Die zentrale Frage, ob das Judentum eine Religion oder eine Volks zugehörigkeit darstellt, wird heute innerhalb des Judentums sehr unterschiedlich be antwortet.

Die Frage „Wer ist Jude?“ führt immer wieder zu heftigen innerjüdischen Diskussionen. Sie ist heute eng mit der Frage verbunden, ob das Judentum eine Religion oder eine Volks zugehörigkeit darstellt. Im Altertum waren Religion und Volkszugehörigkeit eins. Die Tora galt als religiöses und weltliches Gesetz, sie be stimmte sowohl das Verhältnis zu Gott als auch das Zu sammenleben des Volkes. Dieses Volk wird in der Bibel „Volk Israel“, „Kinder Israels“ oder „Israeliten“, an man chen Stellen auch „Hebräer“, genannt. Der Begriff „Jude“ entstand aus dem Namen des Stammes Juda (Jehuda), einem der zwölf Stämme Israels.In der Regel bestimmte die Geburt die Volkszugehörigkeit, aber schon zu biblischen Zeiten konnte man dem Volk Israel auch beitreten (z.B. durch Heirat) und seine Religion anneh men. Auch heute ist es noch möglich, zum Judentum zu kon vertieren. Dies ist jedoch, wenn es nach orthodoxem Ritus geschieht, weit komplizierter als zum Beispiel der Übertritt zum Christentum. Die Frage nach der Beziehung zwischen Volk und Religion wird heute innerhalb des Judentums sehr unterschiedlich be antwortet. Für orthodoxe und konservative Juden ist Volks- und Religionszugehörigkeit weiterhin eins. Reformierte Ju den betrachten das Judentum vor allem als Konfession. Eine dritte Sichtweise sieht das Judentum vor allem als Volkszu gehörigkeit. Viele Juden verstehen sich als Angehörige des jüdischen Volkes, ohne dabei religiös zu sein.

KATHARINA HOBA & GESA LÖBBECK

Messianismus als Anmaßung

Es grenzt an Ketzerei, die jüdische Nation zum Instrument messianischer Heilserwar tung zu machen. Jene, die behaupten, dass ihre politische Doktrin den göttlichen Willen zum Ausdruck bringe, werden immer scheitern und über andere Unheil bringen.

Der berühmte Erforscher der jüdischen Kabbala und My stik, Gerschom Scholem, hat wiederholt davor gewarnt, den Staat Israel als wichtigste Grundlage unserer Erlösung anzuse hen. Seiner Ansicht nach ist die jüdische Nation die humane Antwort auf die politischen Probleme unserer Zeit. Es grenzt an Ketzerei, sie zum Instrument messianischer Heilserwar tung zu machen. Die Juden müssen eine gerechte und ethi sche Gesellschaft für all ihre Mitglieder aufbauen; nur dann offenbart sich in ihr jüdischer Geist.

Man kann ohne Übertreibung sagen, dass die heutigen jüdischen Messianisten, die sich den Mantel der Rechtmä ßigkeit umhängen und für sich in Anspruch nehmen, die jüdische Kontinuität zu bewahren, in Wirklichkeit in der Tra dition von Sabbatai Zwi stehen, dem falschen Messias des 17. Jahrhunderts. Damals wie heute ließen sich viele bedeu tende Rabbiner von jenen in die Irre leiten, die verkündeten, dass die Ankunft des Messias bevorstehe.

Es ist höchste Zeit, dass die Juden der heutigen Generation erkennen, welche Anmaßung es ist, beispielsweise die Ermordung des israeli schen Premierministers Rabin gutzuheißen oder im Atom zeitalter den Zorn der Araber zu schüren und zu glauben, dass die Ankunft des Messias sie vor den fatalen Folgen einer sol chen Haltung – sei es ein terroristischer Rachefeldzug oder ein Krieg gegen das Volk Israel – bewahren würde. Jene, die behaupten, dass ihre politische Doktrin den göttlichen Willen zum Ausdruck bringe, werden immer scheitern und über andere Unheil bringen. Mögen die Führer der orthodoxen Juden und auch alle anderen Juden weise und mutig genug sein, um ihre Stimme gegen die neuen Sabbatianer zu erhe ben, ehe es zu spät ist.

ARTHUR HERTZBERG

Das Judentum als religiöses System

Wenn sonst nichts über das Judentum als religiöses System gesagt werden kann, eins ist gewiss und fundamental: der Glaube an den EINEN Gott.

Wenn sonst nichts über das Judentum als religiöses System gesagt werden kann, eins ist gewiss und fundamental: der Glaube an den ei nen Gott. Nehmen wir nur das zentrale Bekenntnis des jüdischen Glaubens als Beispiel, das „Schma“, das mehrere Male am Tage im jü dischen Gebet und traditionell am Totenbett gesprochen wird: Schma Israel, Adonai Elohejnu, Adonai Echad.“ „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist Einer“ (Dtn 6,4). Um dieses Be kenntnis zu verstärken, wird es einmal in den täglichen Gebeten durch einen Lobspruch eingeleitet, der mit unserer Aufgabe als Juden schließt, „Gottes Namen zu einen“, was wahrscheinlich bedeutet, die Einheit Gottes anzuerkennen und die Kenntnis von dieser Einheit in die Welt hineinzutragen.

Gottes Gegenwart ist überall. In theologischen Begriffen müssten wir von Gottes gleichzeitiger Trans zendenz und Immanenz reden. In diesen und vielen anderen Passagen begegnen uns in der Hebräi schen Bibel viele der grundlegenden religiösen Fragen, die über Jahr hunderte hinweg Judentum, Christentum und Islam beschäftigt ha ben, die alle drei auf ihre Art Erben der biblischen Tradition sind.

Zu der Zeit, als die biblischen Bücher kanonisiert wurden und die ver schiedenen Entwicklungsphasen des Judentums begannen, war das Thema „Einheit“ also weitgehend geklärt. Die Rabbinen, Nachfolger der Pharisäer, die das Judentum, wie wir es kennen, schufen, hegten keinen Zweifel an der revolutionären Natur dieses Glaubens an den Einen Gott und daran, dass Abraham die Gründerfigur war.

JONATHAN MAGONET

Komplexer Talmud

Der Talmud ist von einer solchen Unermesslichkeit und Komplexität, dass es heißt, selbst Gott bringe drei Stunden seines Tages damit zu, sein eigenes Buch zu studieren.

Bisweilen heißt es, dass die jüdische Theologie kaum über die Eigenschaften Gottes reflektiert. Obwohl das vermutlich zutrifft, haben sich die Rabbinen des Talmud gelegentlich doch gefragt, wie Gott seinen Tag verbringt. Sie haben diese Frage an verschiedenen Stellen auf unterschiedliche Weise be antwortet: Er arrangiert Ehen. Er sitzt über Menschen zu Ge richt. Er legt einen riesigen Gebetsmantel und Gebetsriemen um und betet. Meine Lieblingsantwort steht jedoch im Traktat Avoda Sara, in dem über die Beziehungen von Juden und Götzendienern debattiert wird. Dort offenbaren die Rabbi nen, Gott bringe drei Stunden seines Tages damit zu, Tora und Talmud zu lernen.

Ich liebe diese Antwort unter anderem deshalb so, weil sie mich in meiner eigenen Wahrnehmung des Talmud bestärkt: Er ist von einer solchen Unermesslichkeit und Komplexität, dass selbst Gott, der doch sein eigenes Buch gut kennen sollte, einen Teil jedes Tages damit zubringen muss, es zu studieren. Die Vorstellung, dass Gott den Talmud lernt, bringt zudem recht schön zur Geltung, dass es nicht einfach nur auf den In halt des Buches ankommt, sondern auch auf den Vorgang, sich mit ihm zu beschäftigen. Auch das empfinde ich als großen Trost.

JONATHAN ROSEN

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