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Die große Täuschung

Gewöhnlich halten wir Menschen die materielle Welt für die einzige und die ganze Wirklichkeit. Aber nur weil wir nicht gelernt haben, jenseits dieser Welt zu schauen…

Die wenigsten Menschen sehen die Welt in ihren wahren Farben. Aber einer, der seine Seele aus den Fängen des denkenden Gemüts und der Sinne befreit hat, der sein Selbst erkannt und Gott verwirklicht hat, sieht dieselbe Welt aus einem anderen Blickwinkel. Der Geist materiell-weltlich gesinnter Menschen ist unter dem Einfluss des denkenden Gemüts vollständig mit dem Körper und den Sinnen identifiziert; so sehr, dass sie kaum zwischen dem materiellen Körper und dem geistigen „Bewohner“ des Körpers unterscheiden können.

Solange das innere Auge nicht geöffnet ist, kann man die äußere materielle Welt nur von der Ebene der physischen Sinne aus betrachten. Aber alles äußere Wissen ist unwirklich und oberflächlich, rein auf die Sinnesorgane bezogen.

Wenn wir nicht lernen, wie man sich geistig über die Ebene des Körpers und der Sinne erhebt, öffnet sich das innere Auge nicht. Als Resultat sind wir nicht in der Lage, unser Selbst vom Zauber der äußeren Welt abzuziehen. Wenn wir jedoch die innere Welt erschließen, findet sich dort der feinstoffliche Körper mit den subtilen, bisher noch schlummernden indriyas oder Wahrnehmungsorganen. Was sollen wir in dieser misslichen Lage tun? Maulana Rumi sagt: „Lerne, die äußeren Tore deines Hauses zu schließen, und öffne das innere.“ Wer fähig ist, das Tor nach innen zu erschließen, kann daraufhin kosmisches Bewusstsein entwickeln. Er sieht die Welt von einer feinstofflichen Ebene aus und in den wahren Farben.

Geistige Blindheit

Alle, die das innere Auge nicht entwickelt haben, gelten in den Augen von erwachten Menschen als blind. Obwohl die Atmosphäre voller Mikroben ist, ist dem bloßen Auge nichts davon sichtbar. Bedeutet das aber, dass nichts in der Luft ist? Nein, dort ist etwas. Entweder wird alles, was sich in der Luft befindet, vergrößert, um der visuellen Fähigkeit unserer Augen zu entsprechen, oder unser Sehvermögen wird so verstärkt, dass es die winzigen Dinge klar sehen kann.

Ähnlich verhält es sich mit Gott: Alle heiligen Schriften bezeugen, dass die Kraft Gottes alles in ihrer Fülle durchdringt. Gott wohnt im Herzen eines jeden Menschen. Es gibt keinen Ort, wo sein Wort – seine manifeste Kraft – nicht ist. Aber Er ist in höchstem Maße subtil und unbeschreiblich. So kann unser physisches Auge Ihn nicht sehen. Wer aber kann Ihn dann sehen? Nur wenn wir so weit kommen, das Überbewusstsein und die entsprechende Feinheit seiner Ebene zu entwickeln, können wir eine Erfahrung von Gott haben.

Wahrheit ist schwer zu vermitteln

Kabir sieht die ganze Welt in Finsternis gehüllt und benennt das Problem: „Wie kann man jemandem erhabene Wahrheiten enthüllen?“ Tatsache ist, dass alle im selben Boot sitzen – ob einer gebildet oder ungebildet, reich oder arm, Herr oder Diener ist. Alle sitzen derselben Täuschung auf. Wie kann dann ein Blinder einen Blinden führen? Dabei fallen beide in den Graben.

Einst kam ein Heiliger in ein Dorf. Von Mitleid ergriffen, warnte er die Dorfbewohner: „Morgen zu der und der Zeit wird ein heimtückischer Wind wehen. Wer von seinem Hauch berührt wird, wird irrewerden.“ Einige der Leute, die klug genug waren, glaubten den Worten des Weisen und versteckten sich am nächsten Tag zur entsprechenden Zeit, um sich vor dem Wind zu schützen. Alle anderen, die sich entgegen der Warnung des weisen Mannes dem Sturm aussetzten, wurden verrückt. Die Wenigen, die Schutz gesucht hatten, wurden davor bewahrt. Als der Sturm vorüber war, kamen sie aus ihrem Versteck hervor. Erstaunlicherweise wurden sie von der Mehrheit als verrückt erklärt, die es in Wirklichkeit selbst war.

Bei den weltlichen Menschen liegt der Fall ähnlich. Eine verwirklichte Seele, die sich über das Körperbewusstsein erhoben und das innere Auge entwickelt hat, nachdem sie das Selbst von der engen Verbindung mit dem Gemüt und den Sinnen befreit hat, ist sehr, sehr selten. Nur solche Menschen sehen, dass Gott allgegenwärtig ist. Alle Übrigen tappen auf der Ebene des Gemüts und der Sinne umher.

Deshalb fährt der Mystiker Kabir fort: „Wenn es einen oder zwei gäbe, könnte ich sie verstehen machen, aber ach, alle sind nur eifrig mit dem Lebenserwerb beschäftigt.“ Überall findet man die Leute äußerst beschäftigt damit, auf geraden oder krummen Wegen Geld zu machen. Man hält das materielle Leben für das Ein und Alles der menschlichen Existenz. Sogar jene, die behaupten, den spirituellen Weg zu gehen, machen indirekt Geschäfte. Ihre Aufgabe wäre es, wahre Menschen zu machen, aber sie sind darin gefangen, Geld zu machen. Aber wenn die Todesstunde naht, kommt man zur Besinnung. Kabir sagt auch: „Der Mensch erwacht erst, wenn die Todesengel seinen Kopf berühren.“ Aber dann ist es zu spät.

Aus diesem Grund werden erwachte Menschen immer, wenn sie im Auftrag Gottes in der Welt wirken, von den gelehrten weltklugen Leuten angeprangert als gefährliche Verführer, die anderen den Verstand verdrehen. Guru Nanak wurde auf diese Weise von weltlich gesinnten Menschen verurteilt. Es wurde ihm nicht gestattet, die Stadt Qasur zu betreten, damit er die Leute dort nicht irreführe. Sokrates wurde zum Tode verurteilt, weil er angeblich die Jugend verführe.

Die Menschen halten sich für gewöhnlich an das Lustprinzip, wollen das Leben mit allen Sinnen genießen. Sie erfassen nichts, was jenseits der materiellen Freuden liegt. Für diese leben und sterben sie. Deshalb findet es Kabir schwierig, solchen Menschen die höheren Werte des Lebens nahezubringen.

Pendeln zwischen Diesseits und Jenseits

Was ist die Wirklichkeit des menschlichen Lebens? Kabir sagt, dass unser Körper einem Pferd gleicht, auf dem die Seele reitet. Der Körper lebt nur so lange, wie sein Bewohner, die Seele, darin weilt und die Lebensströme zirkulieren. In dem Moment, wo der Geist scheidet, wird der Körper zum Leichnam, der von den Angehörigen und Freunden zum Friedhof gebracht wird. Jeder von uns hat das schon miterlebt. Obwohl wir all das sehen, glauben wir doch nicht, dass auch wir eines Tages scheiden müssen. Wir betrachten die materielle Welt als etwas Wirkliches und Dauerhaftes. Aber keiner kann der eisernen Hand des Todes entgehen. Wenn er kommt, geht das ganze Spiel des Lebens zu Ende.

Wenn wir das innere Auge entwickeln, können wir nach Wunsch bereits vor dem physischen Tod in höhere Regionen gehen. Davon haben wir doppelten Vorteil: Erstens haben wir die Fähigkeit entwickelt, unsere Lebensströme aus dem lebenden Körper zurückzuziehen, und können so der schrecklichen Agonie, die den Todesprozess begleitet, entgehen. Zweitens kann unsere Seele nach Belieben in höhere spirituelle Ebenen aufsteigen oder auf der physischen Ebene wirken. Das bezeichnet man als „ewiges Leben“. Von seiner Wirklichkeit ist man aber erst überzeugt, wenn man sie selbst tatsächlich erfahren hat.

Der Tod hält sich an keinen Kalender. Die Silberschnur kann jederzeit zerreißen. Daher sollten wir keine Zeit verlieren, Erfahrung jenseits des Körpers zu sammeln, um so die Angst vor dem Tod zu bannen.

Gemeinschaft mit einer Meisterseele

„Die Wahrheit liegt innen, aber die Blinden suchen sie in der Welt draußen“, sagt Kabir. Das, was wir suchen, ist innen in unserem Körper zu finden – in der Seele. Aber leider suchen wir nach der Wahrheit in den Schriften oder an den Ufern von Flüssen oder auf Berggipfeln. Unsere ganzen Bemühungen liegen im Bereich der Sinne. Aber wie könnten wir Ihn da finden? Die Gotteskraft strahlt in jedem von uns in vollem Glanz, aber wegen unserer Bindung an die äußere materielle Welt können wir sie nicht schauen. Das Gemüt hält uns andauernd mit den Dingen in der Welt beschäftigt. Was tun?

Nur der Anschluss an einen Adepten, der sein Gemüt unter Kontrolle gebracht und dessen Grenzen überschritten hat, kann dem Aspiranten helfen, das Gleiche zu tun. Sonst gibt es keinen Ausweg. Maulana Rumi rät: „O Herz, suche die Nähe von einem, der die Beschaffenheit des Herzens inwendig kennt.“ Damit meint er, wir sollten die Gemeinschaft mit einer verwirklichten Seele, die innere Bewusstheit besitzt, suchen. Allein die Nähe eines solchen Menschen könnte uns von den inneren Trieben und Begierden erretten. Leute, die bei einem spirituell Erfahrenen sitzen, fühlen bei konzentrierter Aufmerksamkeit eine beruhigende Wirkung, wegen der hoch geladenen Atmosphäre um ihn. So ist die Gemeinschaft mit einem gottverwirklichten Meister oder Heiligen das einzige Heilmittel für alle Leiden der Welt.

Nun, wer ist ein spiritueller Meister? Einer, der in der Wahrheit gründet. Er hat sein Selbst verwirklicht, indem er es vom Einfluss des Gemüts und der Sinne befreite und eins mit der absoluten Wahrheit geworden ist. Die Nähe eines solchen Meisters gibt uns eine beruhigende Seligkeit. Und er gibt uns auch eine praktische Einführung in die Mysterien des Jenseits.

 Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh, (1894 – 1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich im Osten wie im Westen große Achtung und Sympathie. Bei der neunten Generalversammlung der UNESCO am 3.11.1956 in Neu-Delhi hielt er einen Vortrag zum Thema “Weltfrieden im Atomzeitalter”, dem die obigen Auszüge entnommen sind.

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FOTO: gettyimages

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