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Pfad der Hingabe

Die Verse großer Meister inspirieren uns auf ungewöhnliche Weise. Sie sind durchdrungen von der Liebe Gottes.

Ich denke, dass Hingabe angeboren ist; alle werden durch diesen Impuls belebt, doch er nimmt in verschiedenen Menschen unterschiedliche Formen an. Liebe ist ein anderer Name für Gott, und unsere Seele, ihrem Wesen nach ein Teil von ihm, ist eine Verkörperung dieser Liebe. Richtig gelenkt, nimmt unsere Liebe die Form der Gottergebenheit an und bringt uns der Wirklichkeit nahe. Wird sie fehlgeleitet, verfallen wir den Sinnesfreuden.

Als Rom brannte, spielte Nero auf seiner Lyra. Die körperlichen Freuden machten sein Glück aus. Derart sind die Ergebenen des Vergnügens, die bedenkenlos ihr Land und die Menschen zur Befriedigung ihrer körperlichen Leidenschaften opfern. Diese Art von Hingabe sollten wir zu einer Liebe für Gott vergeistigen, worin sie ihren höchsten und edelsten Ausdruck findet.

Es heißt, dass Liebe ein starkes Feuer ist, das alles außer den Gegenstand der Liebe verzehrt. Wenn man sich umschaut, sieht man, dass Gott oder die Liebe Gottes für seine Geschöpfe alles durchdringt. Er ist in jedem Partikel der Materie gegenwärtig, und es ist seine Liebe, welche die Schöpfung zusammenhält, die Himmelskörper stützt, die Sterne in ihren Bahnen hält und alle Dinge miteinander verbindet, die sich sonst auflösen, voneinander wegfliegen und im äußeren Raum verlieren würden. Die kosmische Ordnung wird durch Kräfte bewahrt, die der Schöpfer durch das Prinzip der Liebe, das er zugrunde gelegt hat, im Gleichgewicht hält.

Verglichen mit der universalen Liebe Gottes, ist die Liebe des Menschen beschränkt. Manche Menschen lieben nur sich selbst, obwohl sie verheiratet sind und eine Familie haben. Sie essen sich satt und betrinken sich, während ihre Kinder darben. Dies ist die eigennützige Selbstverehrung. Diejenigen, die einen Schritt weiter gehen, kümmern sich nur um ihre Familie. Sie sorgen dafür, dass ihre Frauen, Söhne und Töchter reichlich Nahrung, Komfort und Luxus haben, während andere in ihrer Nachbarschaft hungern und ein Leben äußerster Entbehrung führen. Auch das ist eine Art der Hingabe, aber für die eigene Familie. Sie ist etwas besser als die Eigenliebe, doch führt sie zu Streit. Es gibt Hader zwischen den Familien, wenn sich die Kinder zanken, da die Väter und Mütter herbeieilen, um das Verhalten ihrer Kinder zu rechtfertigen. Sie streiten und beschimpfen einander.

Als Nächstes kommt die Verehrung der eigenen Gemeinschaft oder Gesellschaft. Dies ist eine weitere Ausdehnung eures Selbst. Ihr wollt, dass es Menschen eurer eigenen Gemeinschaft gut geht und sie sich – zu Lasten anderer – auszeichnen. Hingabe an die Gemeinschaft steht höher als die Hingabe an die eigene Familie, aber wenn sie fehlgeleitet ist, bewirkt sie viel größeres Leid. Aber wenn ihr ausschließlich für die Sache eurer Gemeinschaft eintretet, richtet ihr Millionen zugrunde. Es ist bedauerlich, dass wir von der Liebe zu unserer Gemeinschaft ein falsches Verständnis haben. Praktizieren wir sie blindlings, hat es schreckliche Folgen.

Wie steht es nun mit dem Patriotismus, der Liebe für das eigene Land? „Der Hund meines Landes ist besser als die Menschen des anderen Landes!“ Was ist die Folge davon? Millionen kommen ums Leben wie in den beiden Weltkriegen. Und da wir nun die Atombombe haben, zittern die Menschen vor Angst. Das Leben der ganzen Menschheit kann wegen der Verehrung des eigenen Landes zugrunde gehen. Wir wünschen, dass sich das Gefühl der Liebe und Hingabe immer weiter ausdehnt, aber sobald man es innerhalb enger Grenzen hält, verursacht es viel Zerstörung und Leid.

Worin besteht dagegen die Hingabe der Heiligen? Sie wollen, dass ihr Ergebene Gottes werdet. Gott lebt in allen, darum habt ein Gefühl der Verehrung für jedermann.

Wenn Heilige beten, tun sie es nicht für die Erlösung nur der Sikhs, der Hindus oder Moslems, sondern für die Errettung der ganzen Welt: Ihre Liebe ist allumfassend. Sie flehen zu Gott für das Wohl der ganzen Menschheit. Ihr Gebet ist sehr kraftvoll, und ihre Güte erstreckt sich auf die Menschen aller Religionen und Länder. Darin drückt sich die echte Ergebenheit aus, dass sie Frieden und Freude für alle möchten. In der Tat, wenn unsere Verehrung alle Lebewesen und die ganze Schöpfung einschließt, wird überall Frieden sein. Die Mission der Heiligen war immer, unser Empfinden von Hingabe zu erweitern, so dass sie das Universum umfasst. Wenn ihr Gott liebt, das allgegenwärtige Wesen, ist nichts von eurer Liebe ausgeschlossen, denn ihr seht ihn überall. Die Heiligen versuchen nicht, euch mit theoretischen Argumenten von der Allgegenwart Gottes zu überzeugen. Wenn ihr die Gegenwart Gottes in allem Lebendigen wahrzunehmen beginnt, werdet ihr es von selbst lieben. Die Liebe der Heiligen umfängt die ganze Welt.

Unsere Bestimmung war es, die Verehrer Gottes zu sein, doch wir haben uns in Verehrer unserer selbst, der eigenen Familie oder unseres Landes verwandelt. Die Folge davon sind Streit und Elend.

Die Fähigkeit zur Hingabe ist bereits in euch – ihr müsst sie nicht erst erschaffen, aber sie ist irregeleitet, wenn ihr euch nur dem Erwerb materieller Güter verschreibt. Lasst eure Verehrung auf Gott gerichtet sein. Dies ist das Ideal, welches die Heiligen der Menschheit verkündet haben.

Nun habt ihr die verschiedenen Formen und Stufen der Hingabe betrachtet. Die erste Art der Ergebung mündet in die Rituale und frommen Übungen, durch die euer Körper und die Sinne in der äußeren Welt beschäftigt sind. Weshalb bringen wir Blumengaben dar, schwenken Weihrauch oder besuchen den Satsang? Wir wollen eine Atmosphäre, in der wir den Duft der Spiritualität aufnehmen. Selbst der gewöhnliche Lehm beginnt angenehm zu riechen, wenn Blumen in seine Nähe kommen.

Hingabe ist eine angeborene Empfindung. Ihr solltet sie durch jedes euch mögliche Mittel zur Entfaltung bringen. Jene, die in Tempel gehen und dort der Gottheit Blumen opfern, werden von demselben Impuls bewegt. Doch diese Hingabe ist von keiner Hilfe, wenn sie zur leblosen, in Eile ausgeführten Routine wird. Die Menschen verrichten Handlungen der Frömmigkeit mechanisch. Wir haben Leute gesehen, die einer Bahre zum Verbrennungsplatz oder zum Friedhof folgen als eine Art Pflichtübung. Sobald der Tote den Flammen übergeben oder zur Ruhe gebettet wurde, kehren sie ohne einen weiteren Gedanken an den lieben Verstorbenen zu ihren Alltagsgeschäften zurück.

Wenn ihr Psalmen singt, die Verse großer Meister lest oder in einem Tempel Blumen opfert, aber eure Augen trocken bleiben und das Herz unberührt, seid ihr nicht ergeben. Solche Praxis ist nicht mehr als körperliche Gymnastik. Kabir sagt: „Der Mensch ist das Kind Gottes“, der alle Liebe ist. Ein Mensch, der nach den Lehren der Heiligen verlangt, muss von der Liebe inspiriert werden. Der zehnte Guru der Sikhs, Guru Gobind Singh, hat unzweideutig erklärt:

Die angeborenen Empfindungen der Liebe und Hingabe müssen geweckt und zu Gott gelenkt werden. Gegenwärtig ist eure Liebe zwischen den Dingen der Welt zerstreut und fehlgeleitet. Sie führen euch von Gott weg. Ihr wollt das Land mit einem Rohr bewässern, das zehn Löcher hat. Das ganze Wasser läuft auf seinem Weg zum Feld aus. Verstopft die neun Löcher und seht, mit welcher Kraft und Fülle das Wasser aus dem zehnten Loch herausschießt. Bleibt in eurer Religion und Gemeinschaft, doch entfacht die Ergebenheit. Niemand wird an der Gotterkenntnis gehindert. Keiner wird fortgeschickt. Es gibt für alle Hoffnung.

Ernährt euren Körper. Zieht eure Kinder auf. Sie sind auch die Kinder Gottes, und ihr seid durch das Geben und Nehmen eures früheren Karmas an sie gebunden. Ihr braucht nicht ein Eremit zu werden, sagen die Heiligen, der eine weinende, klagende Frau und seine Kinder verlässt. Lebt in der Welt, meditiert und verehrt Gott. Eine solche Hingabe ist in allen Religionen und Gemeinschaften von grundlegender Bedeutung. Wenn wir verstehen, dass der Herr in jedem Herzen wohnt, werden wir alle Menschen lieben, und bei ihrem Anblick wird unser Gefühl der Hingabe wachsen.

Die Heiligen betonen, wie wichtig es ist, dass ihr, während ihr in eurer Familie, Gemeinschaft und Religion bleibt, die euch innewohnende Hingabe weckt. Mein Meister Baba Sawan Singh sagte immer, dass es nicht nötig ist, noch mehr Brunnen zu graben, wenn schon eine ganze Anzahl von ihnen da sind. Wenn ihr eine neue Gemeinschaft oder Religion ins Leben ruft, veranlasst ihr weitere Bräuche, Riten, Verhaltensgrundsätze und Richtlinien der Verehrung, wodurch ihr diejenigen, die schon existieren, abwandelt oder beseitigt. Der Zweck der bestehenden Gemeinschaften ist derselbe, die Gottverwirklichung, doch wir haben ihr den Rücken gekehrt. Ihr solltet die Empfindung der Liebe und Hingabe so sehr entwickeln, dass sie eure eigene Gemeinschaft übersteigt und die ganze Menschheit umfasst. Als Namdev einmal damit beschäftigt war, Brot zu backen, kam ein Hund herein und lief mit einem Brotlaib davon. Namdev folgte ihm mit einer Schale Butter und rief: „Herr, nimm nicht das Brot ohne Butter!“ Wir mögen ihn für verrückt halten, doch das Empfinden, dass Gott allem innewohnt, war in ihm erblüht.

Soamiji von Agra sagt, dass Hingabe ohne aufrichtiges Emfinden einer leeren Schale gleicht. Ihr mögt euer ganzes Leben dieser Aufgabe widmen und doch kein bisschen Nahrung erhalten. Eures Lebens Mühe ist vergeudet. Jeder arbeitet für ein Ziel. Niemand möchte ein gebundener Sklave sein und ohne Lohn arbeiten. Auch will keiner seine Ware ohne Gegenleistung verschleudern. Ihr berechnet euren Gewinn, welchen Ertrag euch die eingesetzte Mühe bringt. Fragt euch selbst, ob eure frommen Werke die Hingabe in euch verstärkt haben. Wenn ihr früher Menschen als eure Feinde betrachtet habt, seht ihr sie noch immer als solche an? Wenn ja, seid ihr hinter dem Ideal zurückgeblieben. Die Hingabe hat keine tiefen Wurzeln in euch geschlagen. Ihr sammelt noch Hülsen. So ihr weiterhin in Gruppen gespalten seid, die sich feindselig gegenüberstehen; wenn Geiz in euch ist; ihr der Kritiksucht und üblen Nachrede hingegeben seid und Schlechtes über andere denkt, welche Art der Verehrung habt ihr dann verwirklicht? Seid sicher, dass euch keine Erlösung erwartet!

Übt mit Entschlossenheit die Hingabe. Lasst euch nicht auf irgendwelche Machenschaften ein, vertraut nicht eurer Geschicklichkeit oder großen Belesenheit, denn dies führt nur zu Schwierigkeiten. Gebt unnützes Fragen und Bohren nach dem Warum und Wozu des Glaubens und der Liebe auf. Wenn das Gefühl der Ergebenheit in eurem Herzen aufkeimt und eure Liebe allumfassend wird, seid ihr auf dem rechten Weg, andernfalls nicht.

Wegen der weltlichen Verwicklungen erreichen die Menschen das Ideal der Ergebenheit nicht. Manche sind mit sich selbst beschäftigt, andere mit ihrer Familie, ihrer Gemeinschaft oder ihrem Land. Das Ergebnis ist Leid. Blickt man sich um, stellt man fest, dass das Leid eines jeden größer ist als das des anderen. Wir haben mit eigenen Augen schreckliches Elend gesehen, aber wir verschließen unsere Herzen gegenüber solchen Geschehnissen. Da ist Zwietracht in den Heimen und unter den Gemeinschaften. Täglich hören wir: „Dieser hat mich beschimpft, jener spricht nicht mehr mit mir, der da hat mich verleumdet.“ Wir fügen uns gegenseitig Leid zu. Haben wir etwas von dieser schrecklichen Massenvernichtung gelernt? Wir haben zwei Weltkriege durchgemacht, und es droht ein dritter. Ihr habt gesehen, was jene, die vorgaben, ihr Land zu lieben, anderen Nationen angetan haben, und wir sind noch nicht am Ende der Geschichte. Die Hingabe, welche die Heiligen predigen, hat ein hohes Ziel. Sie bringt der ganzen Menschheit Glück und Liebe. „Wenn wir deinem Willen folgen, o Gott, kann es allen wohl ergehen“, ist ihr Gebet.

Das Gefühl der Liebe und Hingabe bewndet sich in allen Menschen, aber gegenwärtig ist es irregeleitet. Es ist unter den Dingen der Welt zerstreut. Richtet es in euch wieder auf.

 Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh (1894-1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich in Ost und West große Achtung und Sympathie.

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FOTO: gettyimages

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