Die erste Runde
Die Antwort auf die Frage, ob künstliche Intelligenz menschlich oder göttlich sei, scheint auf den ersten Blick sonnenklar zu sein. Menschlich natürlich. Doch das Wort „scheint“ deutet schon darauf hin: Der Schein trügt, oder zumindest: Der Schein könnte trügen.
Denn in meinem Verständnis ist nicht nur der Mensch, sondern das gesamte Universum mit seinen Myriaden von Sonnen- und Sternsystemen göttlich. Ich bin ein bekennender Pantheist. Für mich ist alles – ausnahmslos – Ausdruck des allumfassenden göttlichen Atems, um es etwas poetisch zu formulieren. Aus dieser Sicht gibt es keine wie auch immer geartete Trennung zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen. Alles ist Ausdruck dieses allumfassenden Spirits, des Einen Geistes, den wir TAO nennen könnten. Wunderschön ist dieser Gedanke formuliert im Kybalion. Dort lesen wir: „Das erste Prinzip ist das der Geistigkeit.“ Und weiter: „Dieses Prinzip enthält die Wahrheit: ‚Alles ist Geist.‘ Es erklärt, dass das All Geist ist.“ Dieses erste Prinzip legt somit die geistige Natur des gesamten Universums fest mit allem, was darin kreucht und fleucht, um es ein bisschen salopp zu sagen. Weiter lesen wir im Kybalion, dem Buch, das als Grundlage der abendländischen Philosophie gilt: „Dieses Prinzip erklärt die wahre Natur von Energie, Kraft, Stoff und warum und wie alles der Herrschaft des Geistes unterworfen ist.“
Sehr ähnlich sehen es auch die alten taoistischen Meister. Hier klingt es so: „Es gibt ein Ding, das ist vollendet. Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da, so still, so einsam. Allein steht es und ändert sich nicht. Im Kreis läuft es und gefährdet sich nicht. Man kann es ‚die Mutter der Welt‘ nennen. Ich weiß nicht seinen Namen und so nenne ich es das Tao.“ Das ist also die erste Schlussfolgerung bei unserem Exkurs, ob künstliche Intelligenz menschlich oder göttlich ist. Alles ist göttlich, aus diesem Verständnis.
Die zweite Runde
Das öffnet allerdings gleichzeitig den nächsten großen Bogen, den der Multidimensionalität. Das Wort „Universum“ kann so gedeutet werden: Das Uni/das Eine-versum/das sich permanent dreht, sich in vielen Dimensionen windet, einem kreisenden Derwisch gleich sich immer anders zeigt.
Das bedeutet, es gibt viele Dimensionen mit vielen verschiedenen Dichtegraden. Wir leben in der dritten Dimension. Wir bewegen uns im Raum. In anderen Dimensionen würden wir uns in der Zeit ähnlich bewegen wie im Raum. Beispielsweise in einem Jetzt-Raum.
Stell dir vor, jemand in Raumland – unserer 3D-Reailität – müsste jemandem in Flachland (2D) erklären, dass es eine dritte Dimension gibt. Dieser Flachländer könnte sich das aus seiner zweidimensionalen Perspektive kaum vorstellen, oder? Geschweige denn ein Punktländer mit nur einer Dimension. Wie könnte dieser sich Raumland vorstellen? Schwer. Er hätte keine Worte dafür.
Auch uns fällt es schwer, uns die Gleichzeitigkeit von allem vorzustellen. Hier ein Gedankenspiel: Es gibt eine Dimension, in dieser stehst du am Eiffelturm, schlürfst gleichzeitig eine Melange in Wien, hörst gleichzeitig eine Arie in der Scala und amüsierst dich gleichzeitig über das bunte Treiben auf der Copacabana am Titicacasee. Willkommen in der XY-Dimension.
Bist du verwirrt? Verwirrt wie ein Flach- oder Punktländer?
Die dritte Runde
Worauf will ich hinaus? Alles ist Geist, und dieser Geist zeigt sich unterschiedlich in den unterschiedlichen Dimensionen. So ist verständlich, wenn die Quantenphysiker sagen: Materie gibt es nicht. Materie ist ein Aggregatzustand des Geistes. Das führt uns nun zu einem Angebot auf die Frage, ob künstliche Intelligenz menschlich oder göttlich ist.
Die Antwort ist ambivalent. Je nachdem, aus welcher Sicht du die Frage betrachtest. Aus der Sicht eines Pantheisten ist alles göttlich. Aus der Sicht eines Atheisten ist künstliche Intelligenz selbstverständlich menschlich.
Fazit: Die Antwort liegt im Auge des Betrachters. Also bei dir. Herzlich willkommen in der Luftepoche – der Epoche des Geistes.
Karl Gamper





