Immer wieder drohen Hass, Aggression und Ungerechtigkeit die Menschheit zu spalten und gegeneinander aufzubringen. Daran sind auch die Religionen beteiligt. Dabei haben sie alle im Kern eine gemeinsame Botschaft…
Der Mensch muss sich selbst wiederentdecken, denn er lebt, wirkt und hat sein eigentliches Sein in der Wahrheit, in der Unvergänglichkeit, mit den drei Attributen Liebe, Licht und Leben. Dies ist nicht einfach eine bloße Möglichkeit, sondern es liegt tatsächlich in der Reichweite von allen Menschen. Wer tief unter die äußeren Schichten seines Wesens bis zu seinem Kern hinabtauchen kann, der erfasst die Ganzheit des Seins und gelangt zu dem kostbaren Juwel seiner Seele. Wenn einer dieses gefunden hat, gibt es nichts mehr, das gefunden werden müsste, denn wer das Menschliche in sich selbst erfasst, der versteht die ganze Menschheit. Dies ist die eine große Wahrheit, auf die alle unsere Bemühungen ausgerichtet sind und für welche die World Fellowship of Religions („Weltgemeinschaft der Religionen“) einsteht.“
Mit diesen Worten beendete der spirituelle Meister Sant Kirpal Singh seine Ansprache auf der zweiten Regionalkonferenz der Weltreligionen, die im Juni 1967 in Teheran abgehalten wurde. Die World Fellowship of Religions war 1957 in Delhi gegründet worden, als Ergebnis von gemeinsamen Überlegungen auf der ersten Konferenz der Weltreligionen.
Wir würden gut daran tun, einen Moment innezuhalten und über die chaotischen Verhältnisse nachzusinnen, die allgemein vorherrschen, trotz unserer lauten Bekenntnisse zu erhabenen Idealen und hitziger Proteste gegen Ungerechtigkeiten, Willkür und Unterdrückung von Menschen und Gruppierungen. Diese Verhältnisse zerreißen das soziale Leben der Länder und gefährden die friedliche Koexistenz unter den Völkern der Erde. Ziele und Mittel zum Ziel – daran sei erinnert – gehen Hand in Hand. Sie können nicht voneinander getrennt und einzeln für sich erwogen werden. Ohne rechtschaffene Mittel können wir rechtschaffene Ziele nicht erreichen. ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘ ist eine falsche Vorstellung.
Eine gemeinsame Herkunft
„Der Mensch ist von Natur aus ein selbstsüchtiges Wesen und lebt deshalb stets in einem Zustand der Furcht und ist, ob er es will oder nicht, ständig in Zwist, Konkurrenz und Konflikte verwickelt. Es ist ein Kampf „einer gegen alle und alle gegen einen“, da er sich nicht mit der Vorstellung anfreunden kann, dass er nur ein Glied – aber kein isoliertes Glied – in der einen großen Familie der Menschen ist, die aus einer höchsten Quelle hervorgeht: dem Göttlichen Vater von uns allen. Dies ist die eine Wahrheit, die alle Religionen lehren, und allein durch die Verwirklichung dieser fundamentalen Wahrheit können wir den Himmel auf die Erde bringen. Doch, so sehr wir uns darum bemühen, desto weiter scheint er in die Ferne zu rücken. Das ist ein großes Paradox, ein Rätsel des Lebens, von dessen richtiger Lösung jedoch das Wohlergehen der Länder und der ganzen Welt abhängt.
Immer wieder sind lobenswerte Bemühungen unternommen worden, um die verschiedenen Nationen in den zarten Banden der Liebe, Freundschaft und Eintracht zu verknüpfen. Infolge des Ersten Weltkrieges wurde der Völkerbund gegründet (1920), und infolge des Zweiten Weltkrieges die UNO (Organisation der Vereinten Nationen, 1945) zwecks einer weitreichenden Kooperation in Dingen wie Recht, Gesundheitswesen, Kultur, Wirtschaft, Finanzwesen usw., und vor allem, um einen Krieg unter den Mitgliedstaaten zu verhindern. Inwieweit die eine Organisation in ihren Bemühungen erfolgreich war, haben wir schon gesehen, und inwieweit die zweite Erfolg haben wird, wird allein die Zeit zeigen. Es sind wahrlich gigantische Bemühungen, und wir wünschen ihnen alles Gute, weil die UNO zum Ziel hat, dem Wohlergehen der Völker der Welt zu dienen.
Recht denken, recht handeln
Der wahre Grund der sozialen Zerrüttung liegt jedoch tief, sehr tief im menschlichen Gemüt. Die Staatsregierungen mögen in einem gewissen Ausmaß durch Gesetze und Regularien und mit Hilfe von Aufsichtsbehörden die physischen Schritte ihrer Untertanen überwachen, aber sie können weder die Gefühle und Empfindungen der Menschen reinwaschen, noch können sie deren Verständnis verbessern und ihre Gedanken korrigieren. Denn all unsere Handlungen entspringen der Fülle des Herzens. Wenn wir keine rechte Führung bezüglich der Werte des Lebens erhalten (ich meine die höheren spirituellen Werte), können wir nicht recht denken und handeln.
Bei alledem ist Gott nicht fern von uns. Der Prophet Mohammed erklärte: „Allah ist uns näher als unsere Halsschlagader.“ Und: „Wahrlich, wir sind für Gott und zu Ihm werden wir zurückkehren.“ Wenn dies der Fall ist, erhebt sich die Frage, warum wir Ihn nicht sehen und Sein Wirken nicht erkennen. Deswegen, weil wir Ihn im Äußeren suchen, während Er innen, in uns selbst ist. Wir stellen uns an wie der Blinde, der seine Nadel auf der Straße sucht, während er sie in seinem eigenen Haus verloren hat. Weil wir die grundlegenden Wahrheiten des Lebens vergessen haben, sehen wir die Dinge verkehrt und irren herum wie Kinder, die sich im Wald verlaufen haben und den Ausgang suchen.
Die Einheit des menschlichen Lebens
Gott schuf den Menschen und der Mensch schuf die Religionen als Mittel, um sich wieder mit Gott zu verbinden. Jeder Religion liegt im Kern eine wesentliche Wahrheit zugrunde, denn sonst könnte keine Religion für längere Zeit bestehen. Aber die grundlegenden religiösen Wahrheiten sind heute vom Staub der Zeit verkrustet, verpackt in einer schwerverständlichen altertümlichen Sprache von Menschen, die in verschiedenen Epochen in verschiedenen Regionen lebten und ihre spezifischen Traditionen besaßen, die ganz verschieden von den heutigen sind. Doch bei aller Verschiedenheit in der sprachlichen Ausformulierung ähneln sich die vielen Metapher und Symbole in ihrem wesentlichen Sinngehalt, wenn wir sie nur korrekt zu entziffern wüssten. Und mit diesem Ziel ist die Weltgemeinschaft der Religionen entstanden, damit Vertreter von verschiedenen Religionen ein gemeinsames Forum hätten, um zusammenzusitzen im aufrichtigen Bemühen, die Einheit des menschlichen Lebens zu erkennen, vor dem sich ständig wandelnden Panorama der verschiedenen Formen und Lebens- und Denkweisen.
Der Mensch ist der Erste und Letzte in Gottes Schöpfung. Er ist die größte Schöpfung Gottes. In ihrer Konstitution sind alle Menschen gleich geschaffen, sowohl im inneren als auch im äußeren Aufbau. Gleicherweise sind alle der Krankheit, dem Verfall und dem Tod unterworfen, soweit es den äußeren Menschen aus Fleisch und Knochen betrifft. Wir sind alle auch in unseren Gefühlen und Empfindungen Menschen, denn wir sind beseelte Wesen oder verkörperte Seelen und als solche sind wir auf dieser Ebene eins. Last but not least, sind wir eins auf der spirituellen Ebene, da ebenso die Seele in uns allen eins ist und vom selben Wesen wie Gott ist. Da dies so ist, verehren wir alle den gleichen Gott, der Eins ist ohne ein Zweites.
„Es gibt keinen Gott außer Gott“, haben alle Propheten einstimmig verkündet, und ein Zugang zu Ihm kann durch ein Leben der Rechtschaffenheit und Selbstbeherrschung erreicht werden. Ethisches Leben ist ein Trittstein zur Spiritualität und dazu gehören göttliche Eigenschaften wie Reinheit, Licht, Nichtschädigen, Wahrhaftigkeit, Enthaltsamkeit, selbstloses Dienen und Opferbereitschaft. Dies bildet den ersten Schritt und schließt alle Arten von Ritualen ein, wie Fasten, Pilgerreisen, Almosen und dergleichen. So weit ist es gut, aber es ist sicherlich nicht genug.
Das Licht der Lichter
„Als nächstes kommen wir zu dem Kern der Lehren, wie sie von allen Weltlehrern verkündet wurden, von Zoroaster, den Rishis der Veden, Moses, Buddha, Mahavira, Shankara, Christus, Mohammed, Kabir und Nanak. Alle stimmen bezüglich des Wesens der Gottheit überein. Erstens, der absolute Gott ist eine Abstraktion, etwas Unvorstellbares, das niemand gesehen hat und nie jemand sehen kann. Zweitens gibt es die sich manifestierende Gotteskraft und sie ist verschiedentlich durch Weise und Seher beschrieben worden als der „Vater des Lichtes“, Nooran-al Noor, Swayam Jyoti, der inmitten von „Donner und Blitz“ spricht und von oben kommt, als Akashváni oder Bangi-Asmani, Saut oder Kalam-i-Qadeem, Sruti oder Sarosha, Naam oder Naad, Musik der Sphären usw. Diese Worte sind nicht bloß bildlich gemeint, wie viele Leute meinen, sondern sie sind wesentlich und im Charakter wahr. Die Begründer aller Religionen vermittelten ihrem engsten Schülerkreis einen direkten Kontakt zum göttlichen Licht und Ur-Klang und ermahnten sie, diese Verbindung zu entwickeln, um wahre Heilige im eigentlichen Sinne des Wortes zu werden.
Das ist das große Fundament, wo sich alle Religionen treffen und auf dem sie alle stehen. Es ist die Grundlage, die wir uns durch ein praktisches Studium der verschiedenen Schriften klarmachen müssen, denn sie alle lehren im Wesentlichen die grundlegende Wahrheit von der Einheit Gottes und der rettenden Lebensschnur, mit der jeder Mensch ausgestattet ist, als dem Rückweg zu Seiner ewigen Wohnstatt. Der Mensch muss sich selbst wiederentdecken, denn er lebt, wirkt und hat sein eigentliches Sein in der Wahrheit, in der Unvergänglichkeit, mit den drei Attributen Liebe, Licht und Leben. Dies ist nicht bloß eine Möglichkeit, sondern es liegt tatsächlich in der Reichweite von allen Menschen. Wer tief unter die äußeren Schichten seines Wesens bis zu seinem Kern hinabtauchen kann, der erfasst die Ganzheit des Seins und gelangt zu dem unschätzbaren Juwel seiner Seele. Wenn einer dieses gefunden hat, gibt es nichts mehr, das gefunden werden müsste, denn wer das Menschliche in sich selbst erfasst, der versteht die ganze Menschheit. Dies ist die eine große Wahrheit, auf die alle unsere Bemühungen ausgerichtet sind und für die die Weltgemeinschaft der Religionen einsteht.
Leben, Licht und Liebe sind die drei Erscheinungsformen des höchsten Ursprungs von allem, was existiert. Darin stimmen alle Religionen überein. Diese essenziellen Attribute der Gottheit, die eine ist (auch wenn sie von den Propheten und Menschen der Welt verschieden bezeichnet wird), sind auch in die Urform jedes empfindenden Wesens eingewirkt. Es ist dieses weite Meer von Liebe, Licht und Leben, in dem wir leben, unser wahres Sein haben und uns bewegen. Und dennoch kennen wir, wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser, diese Wahrheit nicht und noch weniger praktizieren wir sie in unserem täglichen Leben. Daher die endlose Furcht, Hilflosigkeit und Not, die wir um uns herum in der Welt sehen.
Maßstab ist die Liebe
„Die Liebe ist der einzige Prüfstein dafür, wie gut wir die beiden Prinzipien von Leben und Licht verstehen und auch wie weit wir auf dem Pfad der Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis bereits gekommen sind: Gott ist Liebe, und die Seele im Menschen ist ein Funken dieser Liebe, und Liebe ist wiederum das Bindeglied zwischen Gott und dem Menschen einerseits und zwischen dem Menschen und Gottes Schöpfung andererseits. Darum wird gesagt: „Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.“ (1 Joh 4:8) Ähnlich sagt Guru Gobind Singh: „Wahrlich, ich sage dir, dass allein derjenige, dessen Herz von Liebe überfließt, Gott finden wird.“
Liebe ist kurzum die Erfüllung des Gesetzes des Lebens und des Lichtes. Alle Propheten, alle Religionen und alle Schriften fußen auf zwei Geboten: „Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüt. Dies ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Matth 22:37-40) Zur Einstellung unseren Feinden gegenüber befragt, sagte Christus: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch fluchen; bittet für die, die euch beleidigen… auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel… Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Luk 6:27; Matt 5:44,48)
Lasst uns mit dem Maßstab der Liebe, dem wahren Wesen von Gottes Sein, unsere Herzen prüfen. Ist unser Leben ein Aufblühen von Gottes Liebe? Sind wir bereit, einander in Liebe zu dienen? Halten wir unsere Herzen offen für die gesunden Einflüsse, die von außen kommen? Sind wir geduldig und tolerant gegenüber denen, die anders sind als wir? Dehnen sich unsere Herzen aus mit der Schöpfung Gottes, sind wir bereit, die Gesamtheit seines Seins zu umfassen? Bluten wir innerlich beim Anblick der Niedergeschlagenen und Bedrückten? Beten wir für die kranke und leidende Menschheit? Wenn wir nichts von alledem tun, sind wir noch weit entfernt von Gott und von jeglicher Religion. Bei all unserem inneren Verlangen nach Frieden haben wir versagt und versäumt, der Sache von Gottes Frieden auf Erden zu dienen.
Alle unsere Religionen sind Ausdruck des inneren Drängens, das der Mensch von Zeit zu Zeit spürt, um einen Weg aus der Disharmonie im Äußeren zum stillen Frieden der Seele im Innern zu finden. Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis begreift es nicht. Aber wir sind von Natur so geschaffen, dass wir ruhelos sind, bis wir Ruhe in dem grundlosen Urgrund finden. Wenn wir nach unseren Schriften lebten und das Licht und Leben Gottes in uns verwirklichen würden, dann würde die Liebe als Höchstes im Universum regieren, und wir würden allerorts nichts anderes wirken sehen als die unsichtbare Hand Gottes."
Sant Kirpal Singh
Sant Kirpal Singh (1894-1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich in Ost und West große Achtung und Sympathie.





