Wie eine Münze hat auch der Mensch zwei Seiten: Er ist eine verkörperte Seele. Er besitzt zwar einen Körper, sein wahres Selbst ist aber die Seele.
Der Körper ist das kostbare Eigentum der menschlichen Seele, die ihn bewohnt. Er ist der Tempel Gottes, der einen erhabenen Zweck zu erfüllen hat. Denn es gilt, das Rätsel des Lebens zu lösen – das Rätsel des Lebensprinzips, das für die Erschaffung des Universums verantwortlich ist. Man kann diesen Lebensimpuls sicher erkennen, wenn man in seinem Innern danach forscht.
Körper und Seele
Wir wissen eine Menge über unser physisches Selbst. Dabei sind wir unserem Wesen nach nichts anderes als Götter in Kleinformat: Wir sind mit den gleichen Merkmalen ausgestattet wie Gott, wenn auch in geringerem Umfang. Wir sind die Kinder Gottes. Aber leider wird unser Bewusstsein vom Gemüt und den Sinnen eingeschränkt. Darum wissen wir nicht, dass es das Höhere Selbst in uns ist, das dem Körper Leben gibt, und dass wir im Lichte dieses Selbst leben, uns bewegen und wahrlich unser Sein haben. Die Körper-, Gemüts- und Verstandesfunktionen sind alle vom Lichte der Seele abhängig. Dies ist es, was wir verstehen müssen, und je eher das geschieht, desto besser ist es für uns. Andernfalls werden wir immer in Schwierigkeiten sein.
Der Körper ist unser erster Begleiter, wenn wir auf die Welt kommen. Wir kommen in die Welt, um uns selbst und Gott zu erkennen. Wenn wir das nicht erreichen, sind wir nicht besser als Schafe und Ziegen, die stumpfsinnig dahinleben. Der Körper und was zu ihm gehört, wie Gemüt, Verstand und die Sinneskräfte, können uns in diesem Punkt nicht weiterhelfen. Nur die Seele, das empfindende Wesen in uns, kann die Kraft Gottes erfassen, die im Körper wirkt und Leib und Seele zusammenhält.
Der Affe und die Ziege
Mein Meister Baba Sawan Singh erzählte dazu immer das Gleichnis vom Affen und der Ziege, das diesen Punkt sehr gut verdeutlicht. Eine Hausfrau hatte ihre Kuh im Stall gemolken und ging dann hinaus, um ihre häuslichen Arbeiten zu verrichten. Obwohl der Affe an einen langen Strick gebunden war, gelang es dem schlauen Tier in ihrer Abwesenheit dennoch, an den Eimer mit der Milch heran zu kommen, ihn auszutrinken und dann das Maul der Ziege damit zu beschmieren. Als nun die Frau den leeren Eimer sah, hielt sie irrtümlich die Ziege für den Übeltäter und schlug sie. Der Affe saß still dabei und lachte sich bei diesem Anblick ins Fäustchen.
Derselbe Vorgang spielt sich tagein, tagaus auch in unserem Leben ab: Der Verstand (die Frau) wird durch das Gemüt und die Sinne (den Affen) in die falsche Richtung gelenkt, und die verkörperte Seele (die Ziege) hat unter den Folgen der Handlungen zu leiden, die das Gemüt begangen hat, da sie in den Verstand miteingeschlossen ist.
Das Elixier des Lebens
Lasst uns einen Augenblick darüber nachdenken, wie wir auf die Welt kommen. Können wir sagen, wie dieser Körper ins Dasein kam? Alles, was geboren wird, entwickelt sich entsprechend seiner Gattung. Was ist es, das dem Samen im Körper Substanz, Form und Gestalt verleiht? Es gibt eine Kraft, die das vermag. Wir müssen diese Kraft erkennen und mit ihr in Verbindung kommen. Dies können wir nur als Menschen, d. h. nur wenn wir in menschlicher Gestalt inkarniert sind – in keiner anderen Spezies.
Darum wenden sich die Erleuchteten mit dem folgenden Aufruf an ihre eigenen Sinne. Zu ihren Augen sagen sie: „Gott hat das Licht des Lebens hinter euch gelegt, nun ist es eure Pflicht, nichts anderes als dieses Gotteslicht zu sehen.“ Und zu ihren Ohren: „Gott hat hinter euch der himmlischen Harmonie Raum gegeben, der Musik der Sphären, darum ist es für euch unerlässlich, nur die Stimme Gottes zu hören.“ Und weiter sprechen sie zu ihrem Gaumen: „Du hast endlos die Freuden der Zunge genossen und warst doch nie gesättigt. Die köstlichste und erlesenste Sache der Welt ist aber die Speise der göttlichen Offenbarungen, die wir im Zustand der inneren Sammlung empfangen.“
Die Heiligen sagen uns, dass wir Gefallen daran finden sollten, dieses Elixier des Lebens zu uns zu nehmen, statt fortwährend den Sinnesfreuden nachzujagen.
In die Mitte kommen
Wir sind mit Eindrücken aller Art überflutet, die wir vom Leben auf der Erde in unser Bewusstsein aufgenommen haben, und führen deshalb nur ein oberflächliches Dasein an den Randschichten unseres Seins, weit entfernt von seiner Mitte. Selbst im Traumland werden wir noch von den Dingen dieser Welt verfolgt.
Warum ist das so? Einfach deshalb, weil wir nie Gelegenheit hatten, innen anzuklopfen, und nie erfahren haben, was und wer wir wirklich sind. Wir lieben die Welt, weil wir den Körper und seine Bedürfnisse lieben. Wir haben nie erkannt, dass die Schönheit des Körpers auf die Seele zurückzuführen ist, die in ihm wohnt. In dem Augenblick, wo sich die Energieströme, die sonst durch die Sinne nach außen fließen, in der Meditation zurückziehen und am Sitz der Seele im Körper, dem Dritten Auge, sammeln, wird der Körper zu einem bedeutungslosen Klumpen Staub und verliert seinen ganzen Reiz.
Die Seele befreien
Wir leben in einer großen Täuschung, wo die Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Dieses Blendwerk beginnt bei unserem Körper. Wir betrachten ihn als das Ein und Alles der menschlichen Existenz. Wir denken nie für einen Augenblick daran, dass es eine Antriebskraft hinter uns gibt. Wenn sich diese Kraft in der Stunde unseres Todes einmal vom Körper zurückzieht, hört das ganze Spiel auf. Wenn ein Kind geboren wird, sind die Menschen glücklich und feiern fröhlich seine Ankunft; sie wissen nicht, dass eine Seele gefangen und in Ketten gelegt wurde. Erst wenn man lernt, in der Meditation über das Körper-Ich hinaus zu gehen, und erkennt, dass es jenseits davon ein anderes Bewusstsein gibt, das unabhängig vom Körper ist, beginnt man zu erkennen, was Befreiung ist.
Erst wenn wir tatsächlich erfahren, dass der Körper etwas ist, das sich von der Seele trennen lässt, und dass die Seele auch ohne ihn weiter existiert, wissen wir, dass der Körper nichts Beständiges ist und wir ihn eines Tages zurücklassen müssen, ob wir wollen oder nicht. Der indische Mystiker Nanak sagt daher: „Ohne das Selbst vom Körper zu lösen, kommen wir aus dem Nebelschleier der Täuschung nicht heraus.“
Innere Wurzeln entwickeln Doch so lange unsere bewusste Aufmerksamkeit an das Gemüt und die Sinne gebunden ist statt an die Seele, folgt sie ihnen immer wieder hinaus in die materielle Welt. Wir haben einfach keine inneren Wurzeln entwickelt. Es ist deshalb von größter Bedeutung, dass wir unsere Aufmerksamkeit in die richtige Richtung lenken. Der Mensch ist wie ein umgekehrter Baum, der seine Wurzeln oben am Augenbrennpunkt (dem Dritten Auge) hat und seine Zweige oder Glieder nach unten hin ausbreitet.
Wenn wir zu unseren inneren Wurzeln zurückkehren wollen, müssen wir deshalb unsere Aufmerksamkeit von unten nach oben lenken. Dort können wir den stillen Punkt der Seele erreichen – die „Nabe des Rades“, um die sich alles dreht, die aber selbst in völliger Ruhe bleibt – und uns über den Körper und das Gemüt erheben.
Das Selbst erkennen
Natürlich ist es notwendig, sich um den Körper zu kümmern und für ihn zu sorgen, damit er uns beim Erreichen unseres Lebenszieles, der Selbst- und Gotterkenntnis, behilflich ist. Wir sollten auch unsere karmischen Rechnungen mit den Menschen begleichen, mit denen wir zusammen sind. Die Hauptsache ist aber, das Selbst in uns zu erkennen. Tun wir das nicht, ist alles andere nutzlos.
Unter dem Einfluss von Körper und Gemüt haben wir unsere Umgebung schön gestaltet, aber nichts für den Geist getan, der in ihnen wohnt. Sorgt euch so viel wie möglich um das Haus (den Körper), aber vergesst nicht den Bewohner des Hauses (die Seele). Er braucht ebenfalls Nahrung und Aufmerksamkeit, genau wie der Körper. Der Geist, der von Gott ist (die Seele), muss durch die Kraft und den Geist Gottes (die göttlichen Offenbarungen) gespeist werden.
Da wir jedoch die ganze Zeit mit der Welt und den weltlichen Dingen beschäftigt sind, halten wir nie auch nur für einen Augenblick inne, um an unser eigenes Selbst zu denken. Dazu aber sind wir in die Welt gesandt worden\ um unser wahres Selbst zu finden und dann das Selbst des Selbst. Das ist der alleinige Zweck des göttlichen Plans.
Sant Kirpal Singh
Sant Kirpal Singh (1894-1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemein-schaft der Religionen“ erwarb er sich in Ost und West große Achtung und Sympathie.





