Magazin Visionen - Einfach. Besser. Leben.

Karl Gamper
Karl Gamper

Die Frage, die alles öffnet 

„Sag mir, wer bist du?“ Eine einfache Frage. Und doch: eine, die alles erschüttern kann. Ich erinnere mich an mein erstes ‚Enlightenment Intensive‘. Drei Tage. Zwei Nächte. Kaum Schlaf. Ein Ritual von seltener Dichte. 

Und da – plötzlich – geschah etwas. Kein Licht. Kein Donner. Keine Vision. Sondern? Nichts. Nichts. Niente. Nothing. Nada.

Das wundervolle Nichts

Zu meiner damals unbeschreiblichen Verblüffung war da nichts. Kein Ich. Kein Bild. Weder ein Gedanke, der Halt gab noch ein bestimmtes, beschreibbares Gefühl. Eher eine stille, wortlose Selbstverständlichkeit. Unendlich einfach – und doch… vollkommen.

Der Finger und der Mond

Ich antworte heute wie ein moderner Mystiker: Das Tao, das gesagt werden kann, ist nicht das wahre Tao. Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond. Sprache ist immer Hinweis. Ein Wegweiser. Ein Fingerzeig.
Wir deuten Symbole – und verwechseln sie so oft mit der Wirklichkeit. Sprache zeigt – doch sie besitzt nicht.

Sokratische Annäherung

Also fragen wir weiter. Sokratisch. Nüchtern. Wach. Bin ich mein Name?
Nein. Der Name wurde mir gegeben.
Bin ich mein Körper?
Auch nicht nur. Der Körper wandelt sich unaufhörlich. Und ist doch wesentlich für unsere Erdenreise.
Bin ich meine Gedanken?
Kaum. Denn Gedanken kommen und gehen.
Bin ich meine Erinnerungen?
 Auch diese verändern sich. Sie sind Erzählungen, Narrative; keine letzte Wahrheit.
Wer bin ich dann?
Aus meiner Sicht beginnt Weisheit genau dort, wo keine schnelle Antwort mehr kommt. Wo der Verstand die Waffen streckt. Wo nicht mehr erklärt wird, sondern geschaut. Gelauscht.

Mehrere Perspektiven

Aus psychologischer Sicht ist das Ich eine hilfreiche Struktur. Es ordnet Erfahrungen. Es erzählt Kontinuität. Es sagt: Das bin ich, mein Name ist Karl Gamper. Damit kannst du etwas anfangen. Es ist wie ein Koordinatensystem in der Weite der Landschaft des Lebens. Aus spiritueller Sicht ist dieses Ich ein Schleier. Eine Art Spiegelbild. Nützlich im Alltag. Doch durchsichtig. Wenn wir tiefer schauen – erscheint das Paradoxon in Form eines leeren Spiegels.

Aus taoistischer Sicht ist das Selbst nicht fest. Es fließt. Es ist nicht Ding, eher Bewegung. Nicht Begriff, sondern lebendige Wandlung. So verstehen die Taoisten übrigens Zeit. Nicht wie wir. Fragmentiert. Unterteilt in Stunden, Minuten, Sekunden. Für Taoisten ist Zeit die messbare Wandlung. Zeit ist die Beschreibung der Wandlung. Aus unmittelbarer Erfahrung sage ich: Wenn alles wegfällt, bleibt kein Etwas. Und ein Sein. Wach. Still. Einfach.

Das Paradox der Identität

Was also bleibt von der Frage: „Bin ich ich selbst?“ Alles, was ich über mich sagen kann, ist einerseits richtig – anderseits und zugleich unzureichend. Name, Körper, Biografie, Geschichten – alles erscheint. Alles vergeht. Doch das, was ich bin, erscheint nicht. Es ist. Hier beginnt und endet das Paradoxon: Ich bin ich – doch genau das lässt sich nicht beschreiben. Bin ich das, was bleibt, wenn alle Beschreibungen enden?

Drei Klänge des Erkennens 

Fragen – Fallenlassen – Staunen Die Frage bringt dich an den Rand. Das Fallenlassen öffnet den Raum. Und Staunen ist die erste Sprache des Seins.

Suchen – Verlieren – Finden Wer sucht, entfernt sich. Wer sich verliert, findet. Nicht etwas – sondern sich selbst.

Ich – Nichts – Alles Das Ich löst sich. Das Nichts erscheint. Und darin zeigt sich das Ganze.

Ein stilles Erkennen

Vielleicht verwirrt dich das? Gut so. Denn Verwirrung ist der Moment, in dem der Verstand innehält. Und genau dort – in dieser kleinen Lücke – blitzt etwas auf. Ein Erkennen ohne Worte. Wenn du dabei lächeln kannst, haben wir uns verstanden. Nicht als zwei. Sondern als das Eine, das sich selbst erkennt.

Kurz gesagt

Bin ich mein Name? Nein. Bin ich meine Geschichte? Nein. Bin ich mein Denken? Meine Gefühle? Nein.

Bin ich ich selbst? Vielleicht ist die klarste Antwort: Ich bin. Und alles, was danach kommt, ist bereits zu viel. Doch, um meine Wahrheit mit dir zu teilen: Auch die eben geschriebene „klarste Antwort“ geht daneben. Trifft nicht den Kern – weil es keinen Kern gibt.

Karl Gamper

www.Gamper.com 
www.SignShop.tirol

Foto(s): getty images

Mehr VISIONEN?

Dieser Teaser zeigt einen kleinen Ausschnitt der Juni/Juli-Ausgabe.

Hat es gefallen? Das neue Heft gleich hier bestellen.

Die digitale Ausgabe findest du gleich hier!

Du willst Visionen nicht verpassen? Dann ist das Abo genau richtig!
Viel Freude und Inspiration beim Schmökern!

Visionen Newsletter abonnieren

Herzlich willkommen bei VISIONEN!

Bewusst & nachhaltig gelebtes Leben im Hier und Jetzt liegt uns am Herzen, das möchten wir mit Dir teilen.
Als Dankeschön für Dein Interesse an unserem Newsletter schenken wir Dir € 5.-
im visionen-shop (ab Bestellwert € 20)

€ 5,-
Gutschein

nach oben