Es gab da diesen Abend, an dem ich vor dem Spiegel stand und plötzlich nicht mehr wusste, wer mir da entgegenblickt.
Irgendwann zwischen all den Jahren des Funktionierens war ich mir selbst abhandengekommen. Und ich hatte es nicht einmal gemerkt.
Es beginnt mit einem kleinen Ja, das eigentlich ein Nein hätte sein sollen. Mit einer Meinung, die man runterschluckt. Mit einem Beruf, den man wählt, weil die Eltern stolz sein sollen. Mit einer Beziehung, die man fortsetzt, weil man Angst hat, allein zu sein. Und dann, Jahre später, schaut man auf das eigene Leben und hat das eigenartige Gefühl: Das hier ist irgendwie nicht meins. Etwas von mir selbst ist verloren gegangen beim verzweifelten Versuch, es allen recht zu machen, dazu zu gehören.
Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Und ich kenne den Moment, in dem man es zum ersten Mal wirklich benennen kann. Er kommt schleichend. Vielleicht mitten in einem Meeting oder bei einer Familienfeier. Man lächelt, sagt die richtigen Dinge und spürt gleichzeitig: Das bin nicht ich. Ich bin irgendwo hinter dieser Fassade. Ganz weit weg.
Tina W. Engler





