Magazin Visionen - Einfach. Besser. Leben.

Sich bewusst zu sein und vor Augen zu halten, wieviel Gutes uns tatsächlich zur Verfügung gestellt ist, ohne dass wir es uns erarbeitet haben, ist nicht nur ein Schlüssel zu Glück und Zufriedenheit. Es öffnet die Seele für die Gegenwart und Güte Gottes.


Dankbarkeit und Liebe sind Geschwister.
Dankbarkeit ist Liebe, mild doch stet.
Wer ein Liebender durchs Leben geht,
auch ein Dankender für alles ist er.

Christian Morgenstern

Die Heiligen und spirituellen Meister aller Zeiten und rund um die Welt fordern uns auf, jeden Augenblick unseres Lebens dankbar zu sein. „Wenn ihr esst, dankt Gott! Wenn ihr ein Dach über dem Kopf habt, dankt Gott – vergleicht euch mit anderen, die auf der Straße leben. Wenn ihr wohlhabend seid, dankt Gott – vergleicht euch mit denen, die sich keinen Bissen Nahrung leisten können. Auch wenn ihr hungrig seid, dankt Gott. Wenn ihr auch künftig Gelegenheit habt, an gute Dinge oder an Gott zu denken, dankt Gott – es gibt viele andere, die nicht einmal an Ihn glauben.“

Zu Dank verpflichtet 

Seid also jeden Augenblick dankbar. Der Mystiker Kabir sagt: „Mit jedem Atemzug sollten wir Ihm danken.“ Jeder Atemzug ist alle drei Ebenen des Universums, den ganzen Makrokosmos, wert. Wir müssen danken, wir sind in allem zu Dank verpflichtet.

Es gibt eine schöne Weisheitsgeschichte dazu: Einmal wurde die Erde gefragt: „Du trägst Berge, du trägst Flüsse, du trägst Bäume, du trägst Tiere, du trägst Menschen – auf dir liegt so eine große Last. Wie kannst du das ertragen?“ – Die Erde antwortete: „Das ist keine Last für mich.“ – „Und was ist dir tatsächlich lästig?“ – Die Erde sagte: „Nun, ich kann die Last nicht ertragen, wenn jemand auf mir wandelt, der undankbar ist.“

Wir sollten Gott jeden Augenblick unseres Lebens – nicht nur heute – dankbar sein für alles, was uns gegeben wurde. Für jede Arbeit, die wir verrichten dürfen und können, für alles, was wir essen und trinken und womit wir zu tun haben, sollten wir Gott danken.

Blind für die Fülle

Seid also von jetzt an dankbar für alles. Was habt ihr nicht alles bekommen – vielleicht nicht immer zu hundert Prozent das, was ihr euch wünscht, vielleicht sogar nur zu einem, aber was tut ihr? Wegen einer einzigen Sache, die ihr nicht bekommen habt, vergesst ihr, für all die anderen Dinge dankbar zu sein, die ihr bereits besitzt – ist es nicht so?

Wenn jemand zehn Dinge bekommen hat und eines nicht, ist alles, was er zu sagen hat: „Dieses eine wurde mir vorenthalten.“ Doch was ist mit den anderen Dingen, die er bereits hat? Je mehr ein Schaf blökt, desto mehr Bissen fallen ihm aus dem Maul. Seid deshalb dankbar für das, was ihr erhalten habt. Und dann wartet getrost auf mehr…

Spiritueller Fortschritt

Wie kann ein Mensch so dankbar sein? Wenn er sich einer höheren Kraft bewusst ist, die in allem am Wirken ist. Seid ihr euch dieser Kraft bewusst? Dann dankt Gott dafür. Sonst dankt ihm wenigstens dafür, dass ihr eine erste innere Erfahrung von der Gotteskraft in euch erhalten habt, mit der ihr euren spirituellen Weg beginnen könnt. Diese Kraft begleitet euch und sorgt dafür, dass euer karmisches Geben und Nehmen ein Ende finden wird und eure vergangenen karmischen Schulden abgewickelt werden.

Wir sollten lernen, Gott für alles dankbar zu sein, auch für alles, was uns als Auswirkung unserer karmischen Vergangenheit erreicht. Wenn sich unerwünschte Dinge ereignen, dann sind sie nur die Ergebnisse unserer eigenen Taten. Wir sollten dankbar sein, dass wir diese karmischen Schulden abbezahlen können. Gott ist unser Vater. Er tut alles, was nötig ist, um unsere Handlungen restlos abzuwickeln. Ist das etwa kein Grund zur Dankbarkeit?

Mit dieser Einstellung wird es euch sicher leichter fallen, von jetzt an mehr Zeit für eure spirituellen Übungen einzusetzen, um wieder in eure spirituelle Heimat zu gelangen. Je eher ihr dort ankommt, desto besser – bevor die Zeit anbricht, wo ihr nichts mehr für euren spirituellen Fortschritt tun könnt. Auch Christus sagte: „Ich muss die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.“ Wann kommt die Nacht? Wenn ihr den Körper verlassen müsst. Es ist nur so lange Tag, wie ihr in einem menschlichen Körper lebt. Seid darum auch dankbar für den Rest der Tage, die für euch festgesetzt sind, wie viele es auch immer sein mögen.

Eine goldene Gelegenheit

Vor allem aber seid dankbar, dass Gott euch den menschlichen Körper mit seinen besonderen Fähigkeiten gegeben hat, denn es gibt Hunderte anderer Verkörperungen, in denen man in spiritueller Hinsicht nichts erreichen kann. Mit dem Menschenkörper aber wurde uns die goldene Gelegenheit gewährt, in unsere Heimat zurückzukehren.

Die Inkarnation als Mensch ist der höchste Segen, den wir überhaupt erhalten können. Und das größte „Dankfest“ ist der Tag, an dem wir den ersten Schritt auf dem spirituellen Weg machten und zum ersten Mal das Licht Gottes in uns wahrnahmen. Das ist der allerhöchste Segen. Denn nur als Menschen können wir Gott erkennen. Gott ist ganz Licht – vollkommenes Bewusstsein. Wir sind Tropfen des Meeres der Allbewusstheit. Wir sind alle Kinder des Lichts. Erkennt euch selbst und verbindet euch mit dem Allbewusstsein, damit ihr bewusster werdet und zurück in eure wahre Heimat gehen könnt.

Darum lernt von heute an die Lektion der Dankbarkeit – wenn wir es nicht schon in der Vergangenheit getan haben, ist es jetzt Zeit, uns zu ändern. Wenn wir unsere Seelen nicht wieder mit dem Allbewusstsein Gottes verbinden, sondern nur mit den materiellen Dingen der Welt, sinkt unser Bewusstsein naturgemäß immer weiter ab, und dann fallen wir auf die Stufe der Verkörperungen zurück, in denen das Bewusstsein geringer ist als im Menschen.

Wer als Mensch geboren wurde und nicht danach strebt, in Verbindung mit dem Allbewusstsein zu kommen, spielt nach den Worten der Meister mit dem spirituellen Selbstmord. Es ist spiritueller Selbstmord, an Bewusstheit zu verlieren. Ihr müsst im Gegenteil bewusster werden, indem ihr euch mit Gott verbindet. Die Meister erklären: „Wenn wir uns nicht wieder mit Gott verbinden, verblasst die Erinnerung an ihn. Und wenn wir uns mit etwas anderem verbinden als mit ihm, vergessen wir ihn ganz.“ In der Sprache der Heiligen ist das praktisch gleichbedeutend mit dem Tod: „Nur der lebt wirklich, der ein Bewusstsein von Gott hat und ihn von Angesicht zu Angesicht sieht, wie wir uns gegenseitig sehen. Wer ihn nicht sehen kann, ist tot.“

Gottes Gaben nutzen

Wenn ihr die menschliche Geburt erhalten habt, besteht das höchste Ziel darin, Gott zu erkennen. Die Inkarnation als Mensch dient einem doppelten Zweck: Der eine besteht darin, alle karmischen Handlungen und Rückwirkungen abzuwickeln und alle Schulden aus früheren Inkarnationen abzuzahlen; und der andere ist, Gott zu lieben und zu erkennen. Liebe wohnt in jedem Herzen; habt darum Liebe für alle. Wenn wir als Menschen geboren sind und diese Gelegenheit nicht nutzen, dann ist jedes Tier besser als wir.

Was müssen wir also tun? Haltet die Gebote. Christus sagte: „Wenn ihr mich liebt, dann haltet meine Gebote.“ Bemüht euch um ein reines Leben und eine gute, moralische Lebensweise. Führt eure spirituellen Übungen aus und bleibt dabei so lange wie möglich in Gott vertieft, bis euer Bewusstsein sich immer mehr dem Seinen angleicht. Wenn ihr Gott nicht erkennt und ihn nicht findet, solange ihr im menschlichen Körper wohnt, seinem wahren Tempel, ist alles, was ihr tut – lesen, essen, trinken, das weltliche Leben genießen, euren Körper verschönern und dergleichen mehr – nicht besser als das Schmücken von Leichen.

Wir leben wie Sklaven – sie schuften Tag und Nacht und bekommen am Ende nichts. Genau so macht ihr es auch. Ihr habt das große Glück, als Menschen geboren zu sein. Noch mehr Glück erwartet euch, wenn ihr mit Gott in Verbindung kommt, der eigentlich schon in euch ist. Ihr habt euch aber so sehr mit der äußeren Welt identifiziert, dass ihr ihn schlichtweg vergessen habt. Solange ihr eure Aufmerksamkeit nicht von außen zurückzieht und wieder zu euch kommt, könnt ihr auch Gott nicht erkennen. Und der erste Schritt dazu ist, euch selbst zu erkennen. Wenn der Gott in euch sieht, dass ihr euch so sehr nach ihm sehnt, dass ihr ohne ihn nicht leben könnt, dann bringt er euch mit einem Menschen zusammen, der ihn bereits erkannt hat und euch mit ihm verbinden kann.

Der beste Dank

Dankt Gott für diese goldene Gelegenheit. Dafür nicht dankbar zu sein, ist geradezu kriminell. Doch dieser Dank muss aus dem Herzen kommen und mehr als ein Lippenbekenntnis sein, beachtet das bitte. Gott schaut nicht auf äußere Dankesbezeugungen, sondern auf euer Herz. Wenn ihr innerlich gespalten seid und im Herzen etwas anderes empfindet, als ihr aussprecht und denkt, hat euer Dank keinen Wert.

Wenn ihr euch die Lektion der Dankbarkeit ab sofort zur Aufgabe macht, dann nimmt er euren Dank ganz sicher an. Es geht nicht darum, dass Gott etwas von uns zurückhaben will; er will nur, dass wir seine Gaben auch zu schätzen wissen.

Seid also nicht undankbar. Dankbarkeit ist eine große Tugend. Wenn ihr gleich heute damit anfangt, sie euch anzueignen, bringt sie euch spirituell mit Riesenschritten voran.

Sant Kirpal Singh

Sant Kirpal Singh (1894-1974) wirkte seit 1948 als spiritueller Meister. Auf seinen Vortragsreisen und als langjähriger Präsident der „Weltgemeinschaft der Religionen“ erwarb er sich in Ost und West große Achtung und Sympathie.

Foto(s): getty images

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